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DIE SCHMUGGLER VON VIENTIANE
Das Leben in Vientiane raste dahin wie ein aufgebockterVW-Käfer. Die Straßen waren mit einer roten Staubschicht überkrustet, aus den holprigen Gehwegen spross halbherzig Unkraut, und die Leute wagten es kaum, zu lächeln oder die Stimme zu erheben, aus Angst, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Man wusste schließlich nie, wer einen belauschte. Jeder kannte mindestens eine Person, die ins Ausland geflohen oder anderweitig verschwunden war. Viele hatten Verwandte in den Flüchtlingslagern auf der thailändischen Seite der Grenze. Viele andere hatten Ambitionen oder Träume oder gar den Plan, es ihren Brüdern und Schwestern, ihren Vettern und Cousinen gleichzutun, aber schlicht und einfach nicht den Mumm dazu.
Es war das fünfte Jahr eines sozialistischen Experiments, das der Demokratischen Volksrepublik Laos in vielerlei Hinsicht gründlich misslungen war. Der kommunistische Dampfer war leckgeschlagen und sank rapide. Die Reisanbaukooperativen waren zusammengebrochen. Die Regierungsangestellten hatten schon seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten. Und Thailand hatte wieder einmal seine Mekong-Grenze dichtgemacht, wegen schäbiger Streitigkeiten um Grenzverletzungen und angebliche aufrührerische Umtriebe, die gute alte historische Feindschaft nicht zu vergessen. Die Zahl der Flusswachen an beiden Ufern war verdoppelt worden, doch der Fluss war riesig, und nach wie vor trieben des Nachts Flöße voll thailändischer Schmuggelware mit der Strömung in nördlicher Richtung übers Wasser, sehr zum Verdruss der Laoten, die auf ihren Lkw-Schläuchen gen Süden schipperten.
Und so war das Staunen groß, als in einer schwülwarmen Augustnacht zwei unschwer als Laoten erkennbare ältere Herren mit ihrem Bambusfloß nach Norden paddelten, hin zu den Gestaden ebenjenes Landes, das alle anderen zu verlassen bestrebt schienen. Sie waren ganz in Ninja-Schwarz gewandet, doch ihr unablässiges Gegrummel und Gehuste machte den Versuch der Tarnung schon im Keim zunichte. Zwischen ihnen standen ein halbkahler, schieläugiger Hund und ein ebenso großer wie geheimnisvoller, in einen Nylonfallschirm gehüllter Gegenstand. Letzterer erinnerte in Form und Ausmaß stark an einen Granatwerfer, und hätte man die beiden alten Knaben damit erwischt, wären sie todsicher und auf der Stelle erschossen worden. Waffenschmuggel war nicht eben der klügste Zeitvertreib für Männer über siebzig.
»Hat dir eigentlich niemand das Rudern beigebracht?«, fragte Dr. Siri, der Stämmigere der beiden.
»Ich war Politiker«, erwiderte Genosse Civilai. »Da lernt man höchstens, das Wasser aus dem sinkenden Boot zu schöpfen.«
»Dann ist es ja kein Wunder, dass wir uns die ganze Zeit im Kreis bewegen«, sagte Siri.
Die Regenzeit neigte sich dem Ende, der geschwollene Fluss brauste und toste, und die reißende Strömung würde sie weit über Vientiane hinausbefördern, wenn sie sich nicht eifrig in die Riemen legten. Leider sah das Paddeln stets leichter aus, als es tatsächlich war,