: Tom Rob Smith
: Kälte Roman
: Heyne
: 9783641301330
: 1
: CHF 8.00
:
: Science Fiction
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Unsere Erde in naher Zukunft. Eines Tages tauchen am Himmel gewaltige Raumschiffe auf, die der Menschheit eine Botschaft übermitteln: 'Ihr habt 30 Tage Zeit, um die Antarktis zu erreichen. Jeder, der es bis dahin nicht schafft, wird vernichtet.' Diejenigen, die diesen Wettlauf gegen die Zeit gewonnen haben, erwartet ein hartes Schicksal in der eisigen Kälte. Doch einige Wissenschaftler in der McMurdo-Station fassen einen Plan: Sie wollen menschliche und tierische DNA vermischen, um eine neue Art von Mensch zu erschaffen, der in der brutalen Umgebung überleben kann. Mit fatalen Folgen für das, was von der Menschheit noch übrig geblieben ist ...

Tom Rob Smith wurde 1979 als Sohn einer schwedischen Mutter und eines englischen Vaters in London geboren, wo er auch heute noch lebt. Er studierte in Cambridge und Italien und arbeitete anschließend als Drehbuchautor. Mit seinem Debüt 'Kind 44' gelang Tom Rob Smith auf Anhieb ein internationaler Bestseller. Der in der Stalin-Ära angesiedelte Thriller basiert auf dem wahren Fall des Serienkillers Andrej Chikatilo und wurde u. a. mit dem 'Steel Dagger' ausgezeichnet, für den 'Man Booker Prize' nominiert und bisher in dreißig Sprachen übersetzt. Nach 'Kind 44' und 'Kolyma' schloss der Autor seine Trilogie um den Geheimdienstoffizier Leo Demidow mit dem Roman 'Agent 6' ab.

VOR EINHUNDERTFÜNFZIG JAHREN


Insel Südgeorgien
Zweitausend Kilometer nördlich der Antarktis

Nur die von der Gesellschaft Verstoßenen konnten in diesem eiskalten Klima überleben. Im Lauf der Jahre war Captain Moray zu dem Schluss gekommen, dass es keine Ausnahmen von dieser Regel gab. Manche aus seiner Mannschaft konnten durchaus eine Weile in zivilisierter Gesellschaft zubringen, konnten einen Raum mit Geschichten von ihren Abenteuern unterhalten – aber wenn sie jemanden nicht mochten, und das passierte leicht, waren sie schnell mit dem Messer bei der Hand. Moray kommandierte das erfolgreichste auf Südgeorgien stationierte Robbenfangschiff und war Experte darin, seine Besatzung unter den verfügbaren Verstoßenen auszuwählen. Er bevorzugte melancholische Typen, sexuelle Abweichler und Diebe: Für die Diebe gab es nichts zu stehlen, die Melancholischen konnten auf den Ozean starren, und für die sexuellen Abweichler gab es andere Abweichler. Er erzählte niemandem von seiner eigenen Vergangenheit und kultivierte das Bild von einem autoritären, aber gerechten Mann, einer Bastion der Ordnung in diesem so barbarischen Geschäft. Auf seinem Schiff war nicht genug Platz für noch einen Mörder.

Moray war Kapitän des Zweihundert-Tonnen-DampfsegelschiffsRed Rose, das in der King-Edward-Bucht vor Anker lag. Er beabsichtigte, ein letztes Mal an Land zu gehen, bevor er Segel in Richtung Kanton in China setzte, wo ein Käufer für seine Ladung Robbenpelze gefunden worden war. Der Preis lag bei drei Dollar und fünfzig Cent pro Fell und damit deutlich unter seinem Rekordpreis von neun Dollar, den er erzielt hatte, als er noch einer der wenigen Robbenfänger gewesen war, die sich so weit nach Süden wagten. Heute ankerten um Südgeorgien herum über sechzig Schiffe, und da der Markt mit Pelzen überschwemmt war, konnte er selbst diese drei Dollar nur erzielen, solange sein Ruf für Qualität garantierte.

Morays letzte Aufgabe vor dem Ankerlichten war ein Abendessen mit dem Magistrat Seiner Majestät, der die Verwaltung der Falklandinseln und Südgeorgiens vertrat, die auf diesem abgelegenen Vorposten das Sagen hatte. Ohne den Segen des Magistrats konnte er nicht in diesen Gewässern operieren. Der Zollinspekteur würde astronomische Gebühren erheben, der Polizeibeamte der Insel würde seine Mannschaft für tatsächliche oder vorgeschützte Verstöße einsperren, und Morays Geschäfte würden zum Stillstand kommen. Vier Besatzungsmitglieder ruderten ihren Kapitän in einer Schaluppe, einem wendigen kleinen Boot mit flachem Boden, das gut für die Jagd und andere Ausflüge geeignet war, an Land. Als sie in dem neuen Hafen anlegten, dachte Moray an die noch nicht allzu lange zurückliegende Zeit, als die Insel noch von Menschen unberührt gewesen war und die Strände so voller Robben, dass er den Kies unter ihren fetten Bäuchen kaum hatte sehen können. Jetzt gab es auf den Felsen nur noch von Sturmvögeln kahl gepickte Robbenschädel und eine Fabrik, die aus Waltran Öl herstellte, fünfzig Cent die Gallone, und dabei einen Übelkeit erregenden Gestank verbreitete, den nur die stärksten Winde zu vertreiben vermochten. Es gab klapprige Schlafsäle für die Arbeiter – menschliche Kolonien voller Etagenbetten und Wäscheleinen, an denen derbe Wollsocken hingen. Hinter den Schlafsälen befanden sich eine Krankenstation und eine behelfsmäßige Kapelle mit einem aus Treibholz gezimmerten Kruzifix.

Als Moray sich der Residenz des Magi