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In ihrem alten Zimmer unter der Dachschräge staute sich die Hitze. Die holzverkleideten Wände verbreiteten ihren Kiefernduft, der raue, rohweiße Teppich kratzte unter ihren nackten Füßen. Auf dem fast schon antiken Ikea-Holzbett lag natürlich noch der alte Überwurf, der mit den indischen Elefanten, und die Duftlampe auf der Fensterbank wartete darauf, wieder angezündet zu werden, umgeben von einem Heer an Schmeißfliegenleichen.
Und dann, unvermeidbar, die Bilder an der Wand. Nicht die selbst gemalten, ausgebleichten, sondern die Fotografien.
Izzie Schürmann. Stine Bormann. Paula Beck. Immer diese drei, immer wieder und wieder. Lächelnd, kreischend, unzertrennlich, unzertrennlich für immer und ewig.
»Schürmann! Bormann! Beck!«, hatte der alte Physik-Schmitt geblafft und ein Stück Kreide nach ihnen geworfen, wenn sie auf ihren Plätzen in der letzten Reihe mal wieder nur gekichert und geredet hatten, was quasi ständig der Fall gewesen war.
Schürmann. Bormann. Beck. Der Dreiklang, der ihr Leben bestimmt hatte, all die Jahre, bis alles abrupt geendet hatte. Damals, als Paula siebzehn gewesen war.
Schürmann. Bormann. Beck. Eine Einheit, auf jedem Bild, und die Unverwundbarkeit, die ihnen in die jungen Gesichter geschrieben stand, bildete einen so schmerzlichen Kontrast zur Realität, dass es nur schwer zu ertragen war.
Izzie. Ach, Izzie.
Auf dem ältesten Foto waren Izzies normalerweise hellbraune Locken goldblond von der Sonne, sie strahlte mit Zahnspange und schiefem Pony in die Kamera, der unvermeidbare Perlmutt-Labello machte ihre Lippen blass.
Stine war in der Mitte. Sie hatte die Arme links und rechts um ihre Freundinnen gelegt, das dunkelblonde, kinnlange Haar hielt ein glitzerndes Haarband zurück, das sie damals kollektiv zum allerletzten Schrei erklärt hatten.
Und sie, Paula, war ganz rechts. Ein schiefer, dunkler Pferdeschwanz, aus dem sich aberwitzig viele dünne Strähnchen gewunden hatten. Eine etwas zu knollige Nase, die in einem rundlichen, noch unfertigen Gesicht saß. Pickel auf der Stirn, die sie in den Wahnsinn getrieben hatten. Dunkelbraune Augen, umrandet von billigem blauem Kajal aus der Drogerie.
Paula spürte, wie eine Welle von Liebe und Sentimentalität sie erfasste. Gott, so jung waren sie gewesen. So jung und wunderbar und ahnungslos.
Was Stine wohl jetzt machte? Sie hatten sich ewig nicht gesehen. Stines Eltern waren weggezogen, lebten jetzt an der Küste Andalusiens in einem Rentnerdorf. Stine hatte schlicht keinen Grund mehr, hier aufzukreuzen. Einmal hatte Paula sie spät nachts aus einem Impuls heraus gegoogelt, doch im Netz war nichts über sie zu finden. Alles, was Paula wusste, war, dass Stine bei der Kieler Kriminalpolizei arbeitete oder dort zumindest gearbeitet hatte.
Paula ließ die Finger über die Medaillen gleiten, die von dem linken der beiden Wandregale baumelten und unter ih