: Sofia Lundberg
: Wo wir uns trafen Roman - von der Autorin des Bestsellers ‚Das rote Adressbuch‘
: Goldmann Verlag
: 9783641288914
: 1
: CHF 8.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 384
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nur wahre Freundschaft berührt dein Herz ...

Lidingö, Südschweden: Jeden zweiten Samstag sitzt die frisch geschiedene Esther auf einer Bank unter einer alten Eiche und schaut hinaus aufs Meer. Die Wochenenden, die ihr Sohn bei seinem Vater verbringt, sind schwer, und hier kann Esther ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Eines Tages trifft sie dort auf Rut, eine alleinstehende, ältere Dame, die Esther mit ihrer warmherzigen Art tröstet. Zwischen den beiden Frauen entsteht eine tiefe Freundschaft, und die Bank am Meer wird zu ihrem regelmäßigen Treffpunkt. Doch dann verschwindet Rut, und als Esther sich auf die Suche nach ihr macht, kommt sie einer dramatischen Lebensgeschichte auf die Spur ...



Sofia Lundberg wurde 1974 geboren und arbeitete als Journalistin in Stockholm, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Büchern widmete. Mit ihrem Debütroman »Das rote Adressbuch« eroberte sie die schwedische Literatur- und Bloggerszene im Sturm, woraufhin die Rechte in über 30 Länder verkauft wurden.

5.


Es hat vor Kurzem geregnet, die Straße ist voller Pfützen. Esther weicht ihnen so gut es geht aus, aber ihre Schuhe werden trotzdem nass und schmutzig. Es ist mitten am Tag, aber gefühlt könnte die Sonne jeden Augenblick untergehen. Sie hängt tief über den Baumwipfeln und kämpft sich durch eine schleiergraue Wolkenschicht. Die Stunden, die ihr unter der Eiche bleiben, werden immer kürzer werden. Aber angesichts der fallenden Temperaturen und dem nahenden Dezember ist das vielleicht auch gut so.

Ihr Handy klingelt, wie schon den ganzen Morgen. Bisher hat sie keine Lust gehabt ranzugehen. Jetzt gibt sie auf, bleibt stehen und sieht hinaus aufs Wasser, während sie es aus der Jackentasche zieht.

»Hallo, Mama«, sagt sie.

»Endlich bekomme ich dich zu fassen. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.« Die Stimme von Esthers Mutter klingt vorwurfsvoll.

»Ach was, alles in Ordnung, was soll denn passiert sein? Ich hatte einfach viel um die Ohren.«

»Du arbeitest doch nicht das ganze Wochenende, wenn Adrian nicht da ist? Liebes, denk an deine Gesundheit. Du musst auch mal ausgehen, unter Leute kommen und Spaß haben.«

»Hast du was Bestimmtes auf dem Herzen?«

»Ich wollte fragen, wie wir es an Weihnachten machen? Kommt ihr alle zusammen?«

»Ja, wir kommen. Das habe ich dir doch schon gesagt.«

»Ich freue mich so darauf, dich und Alex und Adrian ein bisschen zu verwöhnen.«

»Ach Mama, Alex kommt nicht mit. Wir sind geschieden, das weißt du doch.«

»Ich dachte nur …«

»Hör auf damit. Adrian und ich kommen. Wir sind ›alle zusammen‹. Ich muss jetzt auflegen, ciao.«

Sie beschleunigt ihre Schritte, keucht vor Anstrengung, ihre Wangen brennen vor Kälte. Sie hat sich eine dicke Wolldecke unter den Arm geklemmt, die Mütze ist tief ins Gesicht gezogen, und um den Hals hat sie sich einen kuscheligen Schal geschlungen. Ihre Augen sind wie jeden zweiten Samstag rot und verquollen. Sie ist müde und ausgelaugt vom vielen Weinen. Erschöpft. Der Abschied gestern war schrecklich gewesen. Adrian war zwei Tage länger bei ihr geblieben, weil er mit Fieber im Bett gelegen hatte und nicht wegwollte. Er saß im Kindersitz auf der Rückbank und streckte ihr seine Arme entgegen. »Mama, Mama!«, rief er mit glühenden Wangen, schweißnass im Gesicht.

Alex fuhr unbeirrt los, obwohl Esther hinter ihm herrannte. »Halt an!«, schrie sie hinter ihm her, obwohl sie genau wusste, dass sie sich beruhigen, sich erwachsen verhalten sollte.

Der Wagen fuhr davon, Adrians Weinen verstummte. Aber nicht in ihrem Inneren. Dort hörte sie es immer noch.

Jemand hat die Bank verschoben. Sie steht nicht mehr am Stamm der Eiche. Mühsam zerrt sie die Bank zurück an ihren Platz unter dem eingeritzten Herzen. Nur dort s