Kapitel 1
Sky
Noch hundertdreizehn Tage. Ich sitze im Gemeinschaftsbüro beim regionalen Fernsehsender mit einem Becher Kaffee in der Hand und starre auf meinen Kalender. Aber im Gegensatz zu sonst macht mir nicht die Deadline zu schaffen, sondern das heutige Datum. 23. April steht dort in verschnörkelten Buchstaben. Die Seite daneben zeigt den Sinnspruch für diese Woche – Einatmen, Ausatmen. Was anderes wird mir auch nicht übrig bleiben. Beim Gedanken an das Abendessen, das mich später noch erwartet, krampft sich mein Magen zusammen.
»Sky?« Ted, der Programmleiter vonCBS47, steht in der Tür.
»Was gibt es?« Mit Nachdruck klappe ich meinen Planer zu.
Er stößt einen tiefen Seufzer aus und zupft an seinem Bart. »Melinda hat Migräne. Sie kann nicht moderieren. Würdest du …?«
»Die Reportage über die Eichhörnchen?«
»Ja, genau.«
»Aber ich stehe doch hinter der Kamera, nicht davor.« Wieder ein Job, der mich meinem Ziel, den Master of Fine Arts zu machen, kein Stückchen näher bringt.
»Weiß ich doch. Bitte, Sky. Du hast dann auch was gut bei mir, okay?«
Der Gedanke, meine Kräfte erneut für etwas zu verschwenden, das im Vormittagsprogramm verschwindet, deprimiert mich. Seit einem halben Jahr komme ich nicht über die Produktion von belanglosen Mini-Dokus und Kurzreportagen hinaus. Wenn sich daran nicht bald etwas ändert, wird mein Portfolio bei Weitem nicht für die Bewerbung am American Film Institute ausreichen.
»Ich nehme dich beim Wort«, antworte ich und zeige mit dem Finger auf ihn.
Ted lacht. »Kein Problem. John wird auch erleichtert sein.«
Mein Kollege John ist der einzige Mann, den ich kenne, der eine Phobie vor Eichhörnchen hat. Vielleicht revanchiert er sich demnächst mal mit einer Reportage, die wirklich interessant ist.
Im Waschraum trage ich ein bisschen Puder und Mascara auf und ordne meine Haare, damit Rachel keine Grunderneuerung vornehmen muss. Auf dem Flur kommt sie mir mit wehenden roten Haaren entgegengestürmt. »Ich hab dich gesucht. John ist schon ganz nervös.« Die Brille ist ihr auf die Nase hinuntergerutscht und eine steile Falte trennt ihre makellosen Augenbrauen voneinander.
»Wieso? Sorgt er sich um die Eichhörnchen?«
Rachel schiebt lachend die Brille zurück auf ihren Platz. »Sie sind Mäusen zu ähnlich«, erwidert sie und verdreht die Augen.
Mit einem Grinsen folge ich Rachel zum Besprechungsraum, wo John der Crew Anweisungen für den Beitrag gibt.
»Hallo, Sky«, begrüßt er mich. »Danke, dass du die Moderation übernimmst.«
Mein Blick fällt auf einen älteren Mann, der ein kurzärmeliges Hemd trägt. Der Stoff spannt über dem mächtigen Bauch. Ein Riese, der sich mit winzigen Tierchen beschäftigt.
»Das ist Hank. Er baut die Picknicktische für Eichhörnchen, die gerade so angesagt sind.«
John gelingt es nicht, das Wort Eichhörnchen auszusprechen, ohne dass eine Spur Ekel mitschwingt. Hank scheint es nicht zu bemerken, er hält mir eine schwielige Hand hin, die ich ergreife.
»Skylar Lane, freut mich sehr. Ich werde Sie gleich vor der Kamera interviewen.« Aufmunternd lächle ich ihm zu. Die meisten Menschen sind aufgeregt, wenn sie das erste Mal in einem Studio gefilmt werden. »Das läuft alles ganz locker ab, wir unterhalten uns nur ein bis