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Samstag, 31. August 1935
Helen
Ich habe mir den Tod meines Mannes tausendmal vorgestellt. Die Szene beginnt immer auf dem Boot. Die Wellen wogen, und der Wind weht. Er stürzt über Bord und ins Meer, das Wasser reißt ihn fort. Sein Kopf tanzt in einem Mahlstrom aus Türkis und Blau. Das Boot schwankt hin und her, mitten im Ozean, ohne eine Menschenseele in der Nähe, die ihm zu Hilfe eilen könnte.
Manchmal überfällt mich das Bild bei der täglichen Hausarbeit, beim Wäscheaufhängen. Die weißen Laken flattern in der Brise, der Geruch von Lauge liegt in der Luft. Mitunter lasse ich mich darauf ein, und meine Gedanken tragen mich fort. Ich träume vor mich hin, während ich den Fisch brate, den Tom fängt, wenn er mit derHelen hinausfährt. Mit dem Schiff, mit dem ich zwei Dinge gemeinsam habe: den Namen und die Tatsache, dass unsere besten Tage längst hinter uns liegen.
Hin und wieder kommen die Bilder im Schlaf über mich. Ich werde wach. Meine scharfen und unregelmäßigen Atemzüge vermischen sich mit dem Schnarchen meines Mannes, der neben mir schläft. Sein behaarter Arm liegt über meiner Taille, sein Atem fühlt sich heiß an auf meinem Nacken, der Geruch von Gin sickert aus seinen Poren.
Heute habe ich wieder davon geträumt, und als ich aufwache, hält mich kein Arm fest. Der Platz neben mir ist leer. Die Matratze weist eine Vertiefung auf, dort, wo der Körper meines Mannes lag.
Wie konnte ich nur verschlafen?
Ich ziehe mich schnell an, erledige meine Morgenrituale im Badezimmer. Sehe ich hübsch aus? Bin ich nicht zu sehr herausgeputzt? Der Verlauf unseres Tages hängt von diesem frühen Morgen ab, lange vor Sonnenaufgang, bevor Tom aufs Meer hinausfährt.
Wenn Tom glücklich ist und das Wetter gut, wenn er reichlich Fisch fängt und ich tue, was ich soll, wird es ein passabler Tag. Wenn Tom nicht glücklich ist …
Eine Welle von Übelkeit überfällt mich. Schmerz pulsiert in meinem Bauch, setzt sich im unteren Rücken fest. Ich muss mich an der Wand des Schlafzimmers abstützen. Das Baby tritt, und ich schiebe meine Hand nach unten, um die Bewegung abzufangen.
In den letzten Wochen ist das Baby aktiver geworden. Es rollt herum und schlägt um sich, strebt mit Macht in die Welt hinaus. Der Geburtstermin rückt näher.
Die Übelkeit lässt nach. Ich richte mich wieder auf. Der Schmerz vergeht so schnell, wie er gekommen ist.
Rasch gehe ich vom Schlafzimmer in den Wohnbereich unseres Häuschens. Tom sitzt am Tisch in einer Ecke des offenen Raums, der als Küche, Wohn- und Esszimmer dient.
Als Tom mich nach unserer Hochzeit vor neun Jahren zum ersten Mal hierherbrachte, erschien mir das Haus als der perfekte Ort, um unser gemeinsames Leben zu beginnen. Als das Zuhause, in dem unsere Familie wachsen würde.
Ich schrubbte jeden Zentimeter, bis alles glänzte, und durchkämmte die Strände, während Tom auf See war. Dort fand ich alle möglichen interessanten Dinge, die vo