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Tessa
Das Schwerste an meiner Aufgabe ist nicht das Stehlen – sondern das Entkommen. Im besten Falle kostet es mich zwei Minuten, über die Mauer zu klettern und aus dem königlichen Sektor zu verschwinden, aber die Nacht ist kalt und meine Finger werden langsam taub. Die Lichtkegel von Suchscheinwerfern gleiten in unregelmäßigen Abständen über die Wände, das erste Sonnenlicht wird den Himmel erst in einer Stunde erhellen. Ich halte die alte Apothekertasche meines Vaters fest unter dem Arm, verberge mich in der Dunkelheit, warte auf eine Gelegenheit.
In mehreren Sektoren sind die wohlhabenderen Viertel mit Elektrizität ausgestattet – zumindest habe ich das gehört –, aber die Scheinwerfer hier leuchten heller als jede Kerze. Sogar heller als die großen Scheiterhaufen, auf denen die Städte ihre Fiebertoten verbrennen. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, habe ich sie angestarrt wie eine Närrin … bis mir klar wurde, dass diese Lichter gefährlich sind. Ich habe Tage damit verbracht, ein Muster zu erkennen. Irgendwann habe ich es Weston gegenüber einmal erwähnt. Er hat nur geschnaubt und gemeint, es gäbe kein Muster, sondern nur gelangweilte Männer, die eine Lampe an einem Pfahl drehen.
In der letzten Stunde haben sie die Lichter recht ausdauernd geschwenkt.
Ich bewege nervös die Finger und veranschlage für das Klettern über die Mauer zur Sicherheit drei Minuten – dann kaue ich nachdenklich auf der Unterlippe. Diesen Mauerabschnitt trifft der Lichtstrahl spätestens alle zwei Minuten.
Wes wartet wahrscheinlich bereits in der Werkstatt auf mich. Er kann die hohe Steinmauer in einer halben Minute überwinden. Dank seiner Körpergröße kann er hochspringen, mit seinem Enterhaken die hohen Spieße darauf erreichen und dann quasi an der Wand nach oben laufen, um auf die andere Seite zu springen. Ich wäre eifersüchtig, wäre es nicht so faszinierend zu beobachten.
Nicht, dass ich ihm das jemals erzählen würde. Das würde er mich nie vergessen lassen.
Faszinierend, Tessa? Es ist nur eine Mauer. So was hier ist viel anstrengender. Und dann würde er auf einen Baum klettern oder in einem Salto vom Werkstattdach springen oder auf den Händen laufen.
Und dann müsste ich ihn schlagen, weil das immer noch besser wäre, als zuzulassen, dass er die Röte bemerkt, die unter meiner Maske aufsteigt. Denn all das fasziniert mich ebenfalls.
Ich muss aufhören, an Wes zu denken. Die Suchscheinwerfer müssen aufhören, sich zu bewegen. Ich muss meine Runden drehen, oder wir werden wertvolle Zeit verlieren. Manchen Leuten bleiben keine Tage mehr. Ein paar von ihnen bleiben wahrscheinlich nicht mal mehr Stunden.
Aber zuerst muss ich hier verschwinden. Wenn ich mit einer Tasche voller Mondflorblüten erwischt werde, werden mich König Harristan und sein Bruder, Prinz Corrick, auf dem Rasen der Palastgärten festbinden lassen, damit die Vögel meinen Körper zerpicken.