: Brigid Kemmerer
: Trotze der Nacht Roman
: Heyne
: 9783641304270
: Mondflor-Saga
: 1
: CHF 8.90
:
: Fantasy
: German
: 512
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Das Königreich Kandala wird von einer mysteriösen Krankheit heimgesucht. Der einzige Schutz ist ein Elixier aus Mondflor. Doch die seltene Pflanze ist so teuer, dass sich nur die Reichsten die Medizin leisten können. Deshalb schleicht sich die junge Apothekergehilfin Tessa nachts aus dem Haus und schmuggelt das kostbare Elixier in die Armenviertel - auch wenn es gegen das Gesetz ist. Prinz Corrick ist der Bruder des Königs und der heimliche Herrscher Kandalas. Gnadenlos verfolgt er jeden, der die Privilegien des Adels bedroht. Vor allem die Person, die heimlich die Armen mit Mondflor-Elixier versorgt. Als sich die Rebellin und der Prinz eines Tages begegnen, sprühen sofort die Funken und die einstigen Todfeinde müssen eine Entscheidung treffen: Wollen sie weiter gegeneinander kämpfen oder miteinander für Kandala - und ihre Liebe?

Brigid Kemmerer ist eine New-York-Times-Bestsellerauto in. Sie hat bereits mehrere Jugendbücher veröffentlicht. 'Ein Fluch so ewig und kalt' ist der Auftakt zu ihrer neuen Bestseller-Trilogie aus der magischen Welt von Emberfall. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren vier Jungen in der Nähe von Baltimore.

1  
Tessa


Das Schwerste an meiner Aufgabe ist nicht das Stehlen – sondern das Entkommen. Im besten Falle kostet es mich zwei Minuten, über die Mauer zu klettern und aus dem königlichen Sektor zu verschwinden, aber die Nacht ist kalt und meine Finger werden langsam taub. Die Lichtkegel von Suchscheinwerfern gleiten in unregelmäßigen Abständen über die Wände, das erste Sonnenlicht wird den Himmel erst in einer Stunde erhellen. Ich halte die alte Apothekertasche meines Vaters fest unter dem Arm, verberge mich in der Dunkelheit, warte auf eine Gelegenheit.

In mehreren Sektoren sind die wohlhabenderen Viertel mit Elektrizität ausgestattet – zumindest habe ich das gehört –, aber die Scheinwerfer hier leuchten heller als jede Kerze. Sogar heller als die großen Scheiterhaufen, auf denen die Städte ihre Fiebertoten verbrennen. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, habe ich sie angestarrt wie eine Närrin … bis mir klar wurde, dass diese Lichter gefährlich sind. Ich habe Tage damit verbracht, ein Muster zu erkennen. Irgendwann habe ich es Weston gegenüber einmal erwähnt. Er hat nur geschnaubt und gemeint, es gäbe kein Muster, sondern nur gelangweilte Männer, die eine Lampe an einem Pfahl drehen.

In der letzten Stunde haben sie die Lichter recht ausdauernd geschwenkt.

Ich bewege nervös die Finger und veranschlage für das Klettern über die Mauer zur Sicherheit drei Minuten – dann kaue ich nachdenklich auf der Unterlippe. Diesen Mauerabschnitt trifft der Lichtstrahl spätestens alle zwei Minuten.

Wes wartet wahrscheinlich bereits in der Werkstatt auf mich. Er kann die hohe Steinmauer in einer halben Minute überwinden. Dank seiner Körpergröße kann er hochspringen, mit seinem Enterhaken die hohen Spieße darauf erreichen und dann quasi an der Wand nach oben laufen, um auf die andere Seite zu springen. Ich wäre eifersüchtig, wäre es nicht so faszinierend zu beobachten.

Nicht, dass ich ihm das jemals erzählen würde. Das würde er mich nie vergessen lassen.

Faszinierend, Tessa? Es ist nur eine Mauer. So was hier ist viel anstrengender. Und dann würde er auf einen Baum klettern oder in einem Salto vom Werkstattdach springen oder auf den Händen laufen.

Und dann müsste ich ihn schlagen, weil das immer noch besser wäre, als zuzulassen, dass er die Röte bemerkt, die unter meiner Maske aufsteigt. Denn all das fasziniert mich ebenfalls.

Ich muss aufhören, an Wes zu denken. Die Suchscheinwerfer müssen aufhören, sich zu bewegen. Ich muss meine Runden drehen, oder wir werden wertvolle Zeit verlieren. Manchen Leuten bleiben keine Tage mehr. Ein paar von ihnen bleiben wahrscheinlich nicht mal mehr Stunden.

Aber zuerst muss ich hier verschwinden. Wenn ich mit einer Tasche voller Mondflorblüten erwischt werde, werden mich König Harristan und sein Bruder, Prinz Corrick, auf dem Rasen der Palastgärten festbinden lassen, damit die Vögel meinen Körper zerpicken.