: Denene Millner
: Die Farbe meines Blutes Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641289362
: 1
: CHF 2.70
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 656
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Drei Frauen. Drei Generationen. Ein Schicksal, das sie eint.

Brooklyn 1969: Als die unverheiratete Afroamerikanerin Grace schwanger wird, will sie nur eines: ihr Kind gegen alle Konventionen behalten. Doch das Baby wird ihr weggenommen und wächst bei einem jungen Ehepaar auf. Obwohl Rae sehr früh von ihrer Adoption erfährt, stellt sie keine Fragen. Für sie sind Delores und Tommy ihre „richtigen“ Eltern. Das ändert sich jedoch, als mit dem Tod ihres Vaters ein Geheimnis ans Licht kommt, das Rae dazu zwingt, sich mit ihrer Herkunft auseinanderzusetzen – und mit ihren beiden Müttern.

Meisterhaft verwebt Denene Millner die Leben von Grace, Delores und Rae zu einem Generationen umspannenden Epos von den Südstaaten in den 1960ern über die amerikanische Bürgerrechtsbewegung bis ins heutige New York. Ein hochaktueller Roman darüber, wie Herkunft, Kultur und die Last der Geschichte afroamerikanische Frauen bis heute prägen und darüber, dass es keine stärkere Macht gibt als die Liebe einer Mutter.

Denene Millner ist eine preisgekrönte Journalistin,New York TimesBestsellerautorin und leitet ein amerikanisches Verlagsimprint. Sie arbeitet als Kolumnistin für dasParentingMagazin und ist Gründerin von MyBrownBaby.com, einem Online-Erziehungsratgeber für afroamerikanische Eltern. »Die Farbe meines Blutes« ist das fulminante Romandebüt der Autorin. Denene Millner lebt in Atlanta.

2


Grace hatte auf dem Weg zum Haus der Brodersens schon Anweisungen bekommen. Deshalb wusste sie, dass sie sich in die Ecke stellen und nicht mehr als atmen sollte, außer wenn Maw Maw ihr etwas anderes auftrug. Sie war da, um zu lernen und bei Miss Ginnys vier anderen Kindern zur Hand zu gehen. Die saßen jetzt alle im Wohnzimmer und flüsterten miteinander, während sie auf das Stöhnen ihrer Mama lauschten. Die Kinder wussten, dass ein Baby kam, aber Genaueres wussten sie nicht, denn Fragen zu stellen war unmöglich. Ihr Vater, streng, brummig und überhaupt kein gesprächiger Typ, würde ihnen sofort auf den Mund hauen und sich auch eher selbst die Hand vor den Mund schlagen, als seinen Kindern zu antworten. Und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als wilde Fantasien darüber zu entwickeln, was es mit den Kesseln voll kochendem Wasser auf dem Herd und der Schere, die in die blubbernden Blasen getaucht wurde, auf sich hatte. Oder mit den Bürsten und Stoffquadraten, die Granny, eine Erscheinung ganz in Weiß – vom Kopf bis zu den Strümpfen in den weißen Schwesternschuhen – auf ein kleines Tablett gestapelt hatte. Außerdem reckten sie jedes Mal die Hälse, wenn jemand die knarzende Tür zum Schlafzimmer öffnete. »Vielleicht schneiden sie das Baby aus ihrem Bauch«, flüsterte die Älteste, sie war sieben, als ihr Vater sich außer Hörweite befand. »Und vielleicht binden sie ihren Bauch mit den Tüchern wieder zu«, meinte die Fünfjährige und zog das dreijährige Kleinkind auf ihrem Schoß näher an sich heran. Die Unterlippe des Vierjährigen begann bei dem Gedanken zu zittern, und als kurz danach eine Wehe seine Mama kehlig aufschreien ließ, begann er heftig zu zittern.

»Heul bloß nicht«, warnte die Älteste und verzog missbilligend den Mund, während sie ihrem kleinen Bruder ins Ohr flüsterte. »Daddy wird kommen und dir das Fell über die Ohren ziehen, wenn du nicht tust, was er gesagt hat, und still bist.«

Der kleine Junge presste sich die Hand auf den Mund. Er hatte den Gürtel seines Vaters heute schon zu spüren bekommen und wollte nicht noch mehr davon. Die Siebenjährige überlegte ernsthaft, eine Tracht Prügel in Kauf zu nehmen, um rauszukriegen, warum sie wie ein kleines Baby hier hocken musste, während das kleine Nigger*mädchen im Zimmer bei ihrer Mama sein durfte. Ihr Daddy, der damit beschäftigt war, aus einer großen Holzkiste, Kissen und Decken ein Babybett zu machen, achtete nicht auf das Geflüster, Gejammer und die Spekulationen.

»Aber, aber«, sagte Maw Maw, während sie der stöhnenden Miss Ginny aus dem Bett half. Ihre Fruchtblase war ja schon vor geraumer Zeit geplatzt, und die Wehen kamen inzwischen in gleichmäßigem Rhythmus, doch ihr Körper signalisierte ihr noch nicht, zu pressen. So war es Maw Maws Aufgabe, es der ihr Anvertrauten so bequem zu machen, wie das eben möglich war, wenn der Schmerz wie ein Messer durch ihren Bauch fuhr. Wie bei allen anderen Gebärenden vor Miss Ginny ging Maw Maw auf und ab, redete und erinnerte Ginny an die Süße, die sie jenseits all der sauren Pein erwartete. »Das wird bestimmt eine wunderbare Zeit für Sie und Ihren Mann und das süße kleine Baby. Machen Sie sich wegen der Schmerzen bloß keine Gedanken. Mit Gottes Hilfe haben wir das schon viermal geschafft, und jedes einzelne der Babys kam gesund und kräftig auf die Welt. Das wird bei dem hier ganz genauso sein, sorgen Sie sich da mal nicht. Wir werden gleich wieder so ein Wunder erleben.«

»Yes, Ma’am«, war alles, was Miss Ginny herausbrachte. In ihren Augen stand Furcht.

»Gracie, mach du jetzt das Bett hier«, schaffte