: Claudia Winter
: Sterne über Siena Roman
: Goldmann Verlag
: 9783641301064
: 1
: CHF 10.80
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Als Emilia Volani in den Ferien in ihre geliebte Heimatstadt Siena zurückkehrt, erwartet sie eine große Herausforderung. Das traditionelle Pferderennen auf der Piazza del Campo, das dem Sieger Ruhm und Ehre einbringt, steht unmittelbar bevor. Und ausgerechnet die Familie Graziotti hat hohe Chancen, zu gewinnen. Emilias Vater, der mit den Graziottis durch eine langjährige Fehde verbunden ist, fordert von seiner Tochter, den Sieg seiner Widersacher zu verhindern. Als Emilia aber erfährt, dass ihre Schwester und der jüngste Graziotti-Sohn unsterblich ineinander verliebt sind, gerät sie zwischen die Fronten. Und dann sind da noch eine kleine Stute, die ihr Herz berührt, ein Anwesen in den Hügeln, das sich wie ein Zuhause anfühlt, und ein Mann, der alles in Frage stellt, was sie über die Liebe zu wissen glaubte …

Claudia Winter, geboren 1973, ist Sozialpädagogin und schreibt schon seit ihrer Kindheit Gedichte und Kurzgeschichten. Als Tochter gehörloser Eltern lernte sie bereits mit vier Jahren Lesen und Schreiben, gefördert von ihrem Vater. Neben ihren bisher im Goldmann Verlag erschienenen Büchern hat sie weitere Romane sowie diverse Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in einem kleinen Dorf nahe Limburg an der Lahn.

Prolog


Siena, fünfzehn Jahre zuvor.


Der Legende nach gibt es unter der Stadt einen großen, reißenden Fluss. Gesehen hat ihn noch niemand, und er ist auch in keinem Stadtplan verzeichnet. Aber wenn man nachts durch die etwas stilleren Viertel geht, kann es vorkommen, dass man ihn hört, tief unter dem krummen Pflaster, wo die Regierung damals das unterirdische Kanalsystem angelegt hat. Es heißt, man müsse sich die Ohren zuhalten, sobald man sein Rauschen vernimmt – und zwar pronto, weil sonst etwas Unerklärliches, ja Gruseliges mit einem geschieht, bei dem es sich laut ihrer Nonna nur um Teufelswerk handeln könne. Angeblich wird man beim Klang des Wassers verrückt. Oder man verschwindet. Wirklich! Puff, weg. Von jetzt auf gleich. Als hätte sich ein Loch im Boden aufgetan.

Emilia schauderte, und doch wünschte sie sich in diesem Augenblick brennend, die Legende vom Geisterfluss wäre wahr. Einfach zu verschwinden. Selbst wenn sie in einer Zwischenwelt landete, irgendwo zwischen Leben und Tod, oder an einem Ort, wo eklige Riesenspinnen herumkrabbelten … Alles wäre hundertmal besser, als den Taugenichtsen aus dem Stadtviertel der Gans in die Hände zu fallen.

Tief drückte sie ihren mageren Mädchenkörper in die Mauernische hinter dem Wandpfeiler hinein, wo sie mit dem steinernen Torbogen verschmolz. Sie lauschte, den Blick trotzig auf das grünweiße Halstuch gerichtet, das sie dem Gansjungen vom Hals gerissen hatte. Ihre Knie waren weich wie Butter, so schnell war sie mit ihrer Trophäe davongerannt, aber das berauschende Gefühl der gewonnenen Schlacht hatte nur einen Wimpernschlag überdauert. Es galt, eine zornige Gänsemeute abzuhängen, alles ältere Jungs, die sich in ihrem eigenen Viertel natürlich viel besser auskannten. Dochporca miseria, heilige Scheiße, sie hatte es irgendwie geschafft, ihnen zu entkommen – weil Padre Pio ihr Gebet erhört und den Seitenausgang der kleinen Kapelle in der Nähe des Fontebranda-Brunnens unverschlossen gelassen hatte. Danach war sie förmlich durch den Vicolo del Tiratoio geflogen, eine abschüssige Gasse, deren Breite man mit ausgestreckten Armen messen konnte, war scharf rechts und wieder links auf die Via Santa Caterina abgebogen, bis das Seitenstechen so schlimm geworden war, dass sie Zuflucht im nächstbesten Hauseingang hatte suchen müssen.

Ihr war bewusst, dass die Gefahr längst nicht gebannt war. Das bunte Fliesenmuster unter ihren nackten Füßen gehörte noch zum Feindgebiet, und sie war völlig auf sich allein gestellt, nachdem ihre Bandenmitglieder wie die Hasen die Flucht ergriffen hatten. Sicher würde der Junge mit den blitzenden Augen – seine Freunde hatten ihn Ale genannt – sie nicht so leicht davonkommen lassen. Nicht nur, weil sie zum Stadtteil des Turms gehörte, dem erklärten Erzfeind der Gans, sondern weil sich kein Junge gern im Beisein seiner Freunde von einem Mädchen vorführen ließ. Da waren sie alle gleich, ob sie nun der Contrade der Gans, des Turms, der Welle, des Adlers, der Giraffe oder einem der anderen siebzehn Stadtbezirke angehörten. Jungs waren eben Jungs, großspurig, eitel und überheblich. Sogar ihr Bruder Matteo war so gewesen, auch wenn alle immer das Gegenteil behaupteten, weil man von den Toten nicht schlecht reden durfte.

Sie war noch ganz aus der Puste.