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Pappenheimer
In der Friedrichstraße war mal wieder kein Durchkommen. Sommergäste gingen zu zweit, zu dritt nebeneinander, plauderten, blieben ohne Vorwarnung vor den Auslagen der Geschäfte stehen. Christian drängte sich an zwei Männern vorbei, die nebeneinander auf der Mitte der Straße liefen und in ein Gespräch vertieft waren, wich einem Sonnenschirm aus, den eine Dame über ihre Schulter warf, und hielt abrupt an, als ein Kind plötzlich auf ein Schaufenster zueilte, in dem eine besonders große Puppe ausgestellt war. Normalerweise mochte Christian den Trubel in der Einkaufsstraße von Norderney. Doch jetzt fluchte er innerlich. Er war spät dran. Gerade als er aufbrechen wollte, war ein Mann auf die Wache gekommen, der den Diebstahl seines Spazierstocks anzeigen wollte. Gendarm Müller war auf Streife, und so hatte Christian den Fall aufnehmen müssen.
Er drückte sich an der Schlange vor dem Postgebäude vorbei, eilte in großen Schritten weiter. Vor dem Conversationshaus war das nachmittägliche Sinfoniekonzert des Königlichen Badeorchesters bereits fast zu Ende. Sie spielten den »Radetzkymarsch«, Christian hatte ihn in diesem Sommer schon hunderte Male gehört. Aber noch immer begeisterten ihn die vielen Konzerte im Ort. In seiner Kindheit hatte sich selten ein Leierkastenmann in sein Viertel verirrt.
Beim Hotel Bellevue wurden gerade Koffer und Hutschachteln auf eine Kutsche verladen. Die gegenüberliegende Gepäckhalle war bereits verwaist, die Dienstmänner waren auf dem Weg zum Hafen. Der Raddampfer aus Norddeich-Mole würde in einer Viertelstunde einlaufen. Mit ihm würde Viktoria ankommen. Wie immer, wenn er an sie dachte, spürte er ein Kribbeln im Bauch, und er musste lächeln.
Ein Zettel am Aushang bei der Gepäckhalle fiel ihm auf. Obwohl er es eilig hatte, blieb er stehen, denn die Überschrift klang vielversprechend. »An Dauermieter«, war da zu lesen und darunter: »Unmöbliertes Häuschen in der Luciusstraße zu vermieten. Mit Veranda und Küche. Elektrisch verkabelt. Kochhexe vorhanden.« Das wäre was. Eine Dienstwohnung, die er als Polizist hätte beziehen können, war nicht frei. Bislang lebte Christian in einer Pension, die von einer jungen Witwe geführt wurde. Aber sollte Viktoria sich wirklich bereit erklären, ihn zu heiraten, wäre es gut, sich schon einmal nach einer passenden Wohnung umzusehen. Er nahm sein Notizheft aus der Jackentasche, schrieb sich mit Bleistift die angegebene Adresse auf und steckte anschließend das Heft wieder ein. Er wollte sich abwenden, aber ein wütender Aufschrei in der Gepäckhalle ließ ihn innehalten. »Hab ich dich erwischt, du Aas!«
Christian glaubte die Stimme zu kennen und trat durch einen der Torbögen in die Gepäckhalle, einem großen Raum mit Säulen. Dort stand, wie er vermutet hatte, Gendarm Müller. Mit der Linken hatte