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Namen kann ich mir super merken, Gesichter hingegen überhaupt nicht. Aber ich weiß, dass ich dieses schon einmal gesehen habe.
Er sitzt allein am Ende einer Reihe und blickt auf sein Handy. Ich lebe jetzt lange genug in L. A., um an seiner Haltung zu erkennen, dass er nicht in irgendeine Lektüre vertieft ist, sondern vor allem ungestört bleiben will. Und ich bin lange genug Journalistin, um zu wissen, dass dieser Typ unter keinen Umständen auffallen will.
Es funktioniert nicht. Sogar seine Frisur wirkt teuer, so akkurat und ordentlich, wie seine Haare nach hinten gekämmt sind. Und mir ist klar, dass ich ihn irgendwoher kenne. Ein Kinn, mit dem er Stahl schneiden könnte, Wangenknochen wie aus Stein gemeißelt, dazu ein perfekter Schmollmund. Dieses Gesicht verursacht eine Art Juckreiz in meinem Gehirn, ein neckisches Kribbeln.
Im Geist höre ich die Stimme meiner Mutter. Sie fordert mich auf, höflich zu sein, aufzustehen und ihn zu begrüßen. Aber ich befinde mich am Flughafen, und nachdem ich in London vierzehn Tage damit verbracht habe, Fremden wegen Informationen nachzujagen, die sie nicht rausrücken wollen, bin ich ziemlich müde. Ich kannte dort niemanden außer einem kettenrauchenden britischen Kollegen mit der Alkoholtoleranz eines Nilpferds, der wie eine gesengte Sau durch die Stadt raste, was mich dazu brachte, mehrmals täglich zu einem Gott zu beten, an den ich nicht glaube. Ich habe mich acht Stunden im Flugzeug und weitere vier an diesem Gate aufgehalten, um einen Sturm auszusitzen und auf den Anschlussflug nach L. A. zu warten, der immer wieder verschoben wurde.
Fairerweise muss ich zugeben, dass ich nicht das Gefühl habe, das Gesicht dieses Mannes in den letzten zwei Wochen gesehen zu haben. Was ich empfinde, geht tiefer als der plötzliche Energieschub auf der Jagd nach einer Story. Diesmal dringt mir das Adrenalin bis in die Knochen. Der flüchtige Blick in sein Gesicht, als er den Kopf hebt, auf die Anzeigetafeln späht und dann ein kleines frustriertes Knurren von sich gibt, wirkt auf mich wie ein Song, den ich ewig nicht gehört habe. Bei seinem Anblick zieht sich mein Herz sehnsuchtsvoll zusammen.
Paradoxerweise wirkt er gleichzeitig aufrecht und in sich zusammengesunken, sehr edel in seiner maßgeschneiderten dunkelblauen Hose, den polierten braunen Schuhen und dem weißen Button-down-Hemd, das nach dem langen Flug von London nach Seattle immer noch frisch wirkt. Er sieht fantastisch aus.
Ich ziehe meinen Schal hoch und vergrabe das Gesicht darin, aber er riecht nach der abgestandenen Luft im Flieger, und ich ziehe ihn wieder herunter. Der Drang, vor Erschöpfung zu schreien, steigt in mir auf. Ich möchte mich nach Hause und in mein Bett teleportieren. Ich möchte den ganzen Selbstfürsorge-Kram überspringen, einfach ungeduscht und in Klamotten ins Bett schlüpfen. Mir ist sogar egal, wie abstoßend ich wirke. Nachdem ich tagsüber vierzehn Stunden damit verbracht habe, den flüchtigen Türsteher eines Nachtklubs aufzuspüren, gefolgt von acht schlaflosen Stunden im Flugzeug, ist nur noch das grundlegende animalische Selbst von mir übrig.
Ich schaue mich um. Ein paar Leute haben sich über vier Sitze hinweg ausgestreckt und schlafen, während andere auf dem Boden Platz finden müssen. Mein Körper schreit förmlich danac