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Freitag, 21. November 1913
Die Kirchturmuhr schlug fünfmal. Sie musste los. Voller Vorfreude schlich sich die zwölfjährige Lulu auf Zehenspitzen in den Flur. Leise schlüpfte sie in ihren grauen Wollmantel und die Fellstiefel. Dann wickelte sie sich den dicken Schal um den Hals und zog ihre Mütze auf den Kopf, sodass nur noch ihre weißblonden, geflochtenen Zöpfe wie kleine Schlangen hervorlugten. Sie war unglaublich aufgeregt, schnappte sich die warmen Fäustlinge und prüfte, ob sie ihren Schlüssel umhängen hatte. Schnell raus hier.
Es war Ende November und bereits so kalt und stürmisch wie im tiefsten Winter. Ihre Mutter Claire prophezeite gar für morgen den ersten Schnee, man könnte ihn bereits riechen. Lulu spähte durch die offene Tür ins Wohnzimmer, um sich von ihr zu verabschieden. Sie lag schlafend auf der Chaiselongue aus rotem Samt. Obwohl es erst Spätnachmittag war, hatte Mutter bereits zwei Flaschen Wein geleert. Lulu bemerkte es sofort, weil sie neben ihr auf dem kleinen Casa Padrino-Tisch standen. Der Anblick versetzte dem Mädchen einen Stich, doch sie wusste einfach nicht, was sie deswegen unternehmen sollte. Wahrscheinlich war sowieso ihr Vater schuld. Wenn sie an den dachte, zog sich ihr Magen zusammen, und etwas tief in ihr drin wurde schwarz und kalt.
Wenn ihre Eltern abends laut miteinander stritten, lag Lulu oft schlaflos nebenan in ihrem Bett. Streng genommen brüllte und polterte hauptsächlich ihr Vater Ernst wie ein Haudegen herum – »eine echte Kanaille«, schimpfte Mutter gerne. Lulu verstand das Wort zwar nicht, begriff allerdings, dass es nichts Gutes bedeutete.
Auch gestern hatte sie sich voller Unbehagen unter der Decke versteckt und sich an ihre Puppe geklammert. Ihre Zähne hatten geklappert, so zitterte sie. Um sich abzulenken, schloss Lulu dann immer die Augen, ganz fest, und stellte sich vor, sie wäre an einem anderen Ort. Wenn sie sich lange genug auf die Dunkelheit konzentrierte, das wusste sie schon, bekam sie irgendwann nichts mehr von ihren Eltern mit, und andere Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge. Die waren bunt, hell und freundlich. Manchmal erschien ein Zirkus oder ein Theater. Oder sie war plötzlich am Meer, auf einem Schiff oder am Strand. Gerne träumte sie auch davon, sie könnte fliegen. Dann schwang sie in ihrer Fantasie die Arme wie ein wilder Vogel seine Flügel und besuchte alle Orte, die sie unbedingt sehen wollte. Oder sie flog mitten durch riesige weiße Wolkenberge in den azurblauen Himmel.Wie hoch sie wohl käme? Und wie weit geht der Himmel überhaupt? Wann hört er auf und fängt das Universum, wo Mond und Sterne wohnen, an? Solche Fragen kamen ihr dann in den Sinn.
Niemand konnte jedoch Vaters Tobsuchtsanfälle verhindern. Meist wehrte sich Mutter nur am Anfang und wurde immer leiser, je lauter er wurde. Doch es nützte auch nichts, dass sie mit der Zeit verstummte. Wenn keiner auf ihn reagi