VORWORT
AUF FRUCHTBAREN HODEN
August 2022. Ein Städtchen namens Butzbach, irgendwo in der hessischen Provinz.
Ich besuche ein kleines Grüppchen von leidenschaftlichen Elektroexperten. Die vier Männer aus zwei Generationen haben ein neuartiges Gerät zur Verhütung entwickelt – und am eigenen Leib erprobt. Fasziniert halte ich den Apparat, aus dem buntes Kabelgewirr ragt, wie eine Schneekugel auf der ausgestreckten Handfläche. Für mich als siebenundzwanzigjährige Frau mit langer, leidvoller Pillen- und Spiralengeschichte wirkt das Ding wie eine Zeitmaschine, die mich in eine bessere Welt katapultiert. Mehr als die Hälfte meiner Lebenszeit (!) steht im Zeichen verschiedener rosa und weißer Tabletten, Hormonringe und Spiralen mit den unterschiedlichsten Nebenwirkungen – von Libidoverlust und Post-Pill-Akne bis hin zu schwallartigen Nachblutungen und dem nächtlichen Besuch der Berliner Notaufnahme. Verhütung macht selten Spaß. Dabei könnte es längst bessere, schmerzlose und hormonfreie Lösungen geben – für beide Geschlechter.
»Und da kommen die Hoden rein?« Mit zwei Fingern spiele ich an einer eierförmigen Klammer herum, die mit dem Prozessor verbunden ist. Kevin nickt. In den randlosen Brillengläsern des jungen Elektroingenieurs spiegeln sich die blinkenden Lämpchen in mehreren Farben. Im Raum wabert Erfindergeist. Der Duft von Gehirnschmalz und Revolution liegt in der Luft. Vor mir auf dem Tisch steht ein kleines Kameramikroskop. Der darin befindliche Teststreifen ist milchig-weiß betüncht.
Über eine eigens programmierte Software beobachten wir bewegungslose Spermien im Livestream. Wenn wirklich klappt, was hier zu sehen ist, nämlich dass Samenzellen durch wenige Minuten der präzisen Behandlung mit kaum spürbaren Elektrowellen nicht mehr dazu in der Lage sind, eine Eizelle zu befruchten, könnte eine langersehnte Verhütungsmethodefür den Mann1 als Alternative zu Pille und Co. bald in jedem Badezimmerschrank vorzufinden sein. Das prophylaktische Eierwärmen wäre dann vielleicht vergleichbar mit alle paar Wochen Haareschneiden, Bartstutzen oder Autowaschen gehen – kein großer Umstand. Dank vieler Eigenversuche des kleinen Erfinderteams ist die futuristische Hodenklammer zur Verhütung im Prinzip einsatzfähig.
»Es ist seltsam, dass bisher noch niemand darauf gekommen ist«, bemerkt Kevin nüchtern. »Wir messen eine Temperatur und steuern eine Heizung. Das ist eigentlich total banal. Das, was es so kompliziert macht, ist das ganze Drumherum.«
Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir klonen Mais, transplantieren Köpfe und können für eine halbe Million US-Dollar sogar Urlaub im Weltall machen. Digitalisierung, Globalisierung und das beständige Streben nach Wachstum, Profit und Innovation bringen Tempo in die turbokapitalistische Weltordnung. Wirtschaft, Politik, Technik – alles ist in Bewegung. Nur ein Karren steckt seit mehr als sechzig Jahren im Schnee von gestern fest: der, der endlich für Fortschritt im Bereich Verhütung sorgt.
Seit der Marktzulassung der Antibabypille Anfang der Sechzigerjahre ist Verhütung selbstverständlich »Frauensache« – mit all ihren körperlichen, seelischen, zeitlichen und finanziellen Kosten. Knapp die Hälfte der Frauen im Alter zwischen achtzehn und neunundvierzig Jahren in Deutschland schluckt nach wie vor täglich die Antibabypille.2 Mit den Beipackzetteln ließen sich ganze Wände tapezieren. Alternativen gibt es zwar. Doch von den mehr als 250 zugelassenen Pillenarten, Implantaten, Ringen, Stäbchen, Spiralen, Kappen und Spritzen haben alle eines gemeinsam: Sie sind auf den Körper mit Uterus zugeschnitten. Männern bleibt hingegen nur die schmale Auswahl zwischen einem langfristig durchtrennten Samenleiter (also einer Vasektomie) und dem Kondom. Ersteres ist ein operativer Eingriff, der sich nicht sicher rückgängig machen lässt, und Letzteres ist nicht zu Unrecht dafür bekannt, gerne mal zu versagen. Sind wir als Gesellschaft nicht längst an dem Punkt angelangt, an dem es auch für spermienproduzierende Menschen bessere Möglichkeiten zur Verhütung geben sollte?
Fakt ist: Verhütungfür den Mann ist möglich.
Sowohl hormonelle Methoden als auch eine Reihe von nicht-hormonellen Methoden haben bereits ihre Wirksamkeit bewiesen. Mittel, mit denen sich der Samenleiter nur vorübergehend verschließen ließe, sind vergleichbar mit Spiralen sowie anderen Kunststoff- und Metallimplantaten, die Millionen von Menschen mit Uterus sich bei Gynäkolog:innen einsetzen lassen. Dazu gibt es nicht-invasive Alternativen, die weder einen Piks noch einen Schnitt oder irgendetwas, das in den Körper gelangt, erfordern. Kurz gesagt: Die Palette a