: Jana Voosen
: Tamara Rapp
: Im nächsten Jahr zur selben Zeit Roman
: Heyne
: 9783641270131
: 1
: CHF 6.20
:
: Erzählende Literatur
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wärst du bereit, für deine Träume zu kämpfen? Ein Buch über den Mut in schweren Zeiten.
Hamburg, 1940: Anni ist das Lieblingskind des Süßwarenfabrikanten Friedrich Brand. Aufgewachsen zwischen Karamell und Schokolade, kann sie es kaum erwarten, in den Familienbetrieb einzusteigen. Doch der Krieg bringt ihre heile Welt mehr und mehr ins Wanken. Plötzlich verlangt ihr Vater, dass sie heiratet, und lädt immer öfter seinen Parteifreund Julius nach Hause ein. In der Fabrik sieht Anni 'Fremdarbeiter' unter schlimmsten Bedingungen schuften. Auch den jungen Polen Pawel, dem sie sich auf unerklärliche Weise nahe fühlt. Doch es ist eine Liebe, die nicht sein darf. Als ihre Beziehung entdeckt wird, stellt ausgerechnet Julius Anni vor eine schier unmögliche Wahl.

'Jana Voosen erzählt emotional und tiefgründig-eine faszinierende Autorinnenstimme, die lange im Ohr bleibt' Teresa Simon

  • Wärst du bereit, für deine Träume zu kämpfen? Ein Buch über den Mut in schweren Zeiten.
  • Hamburg, 1940: Anni verliebt sich in den polnischen Zwangsarbeiter Pawel. Ihre Liebe ist verboten, und doch ist sie das Beste, was ihnen jemals passiert ist.
  • Für Leserinnen von Barbara Leciejewski und Teresa Simon


Im Alter von sechs Jahren verkündete Jana Voosen, Jahrgang 1976, entweder Schauspielerin oder Schriftstellerin werden zu wollen. Vierzehn Jahre später absolvierte sie eine Schauspielausbildung in Hamburg und schrieb währenddessen ihr erstes Buch. Seitdem war sie in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen ('Homeland', 'Tatort' u.a.) und veröffentlicht Romane, Kurzgeschichten, Drehbücher sowie Theaterstücke. Jana Voosen lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

2


Köln, BDM-Haushaltungsschule, Juni 1940


Mit Schwung öffnete Anni die Türen des schmalen Kleiderschranks ihres Zimmers im Mädchenpensionat, das sie sich mit ihrer Freundin Käthe und der gemeinsamen Feindin Else teilte. Fein säuberlich, gestärkt und gebügelt, lagen darin Kante auf Kante Blusen, Schürzen, Unter- und Nachtwäsche sowie Handtücher. An der Stange hingen in Reih und Glied wie Soldaten beim Spalier drei Röcke, ein Mantel und das Kleid für besondere Gelegenheiten, das sie in dem ganzen vergangenen Jahr hier kaum je einmal hatte tragen können. Was hätten das auch für Gelegenheiten sein sollen? Die Haushaltungsschule des Bunds Deutscher Mädel konnte man nicht gerade als Vergnügungsstätte bezeichnen.

Nachdenklich musterte Anni das karierte Blatt Papier, das sie mit einer Reißzwecke an der inneren Schrankwand befestigt hatte. Dreißig Karos in der Breite und zwölf in der Höhe. Der Zettel war klein, und doch enthielt er dreihundertsechzig Kästchen, eines für jeden Tag, den sie hier verbracht hatte. Manchmal war es Anni so vorgekommen, als zöge die Zeit sich endlos dahin. Als würden die Sekunden langsamer schleichen, während man Wäsche legte, Säume umnähte, kochen, backen und bügeln lernte oder endlose Vorträge über Rassenkunde über sich ergehen ließ. Sie griff in ihre Schürzentasche und holte einen Bleistift heraus. Der Zettel zeigte nur noch ein einziges leeres Quadrat, die dreihundertneunundfünfzig anderen hatte sie an jedem Abend sorgfältig mit einem Kreuz versehen. Und heute war es endlich vorbei. Sie hatte das Jahr überstanden und durfte zurück nach Hause. Nach Hamburg, in ihr wunderschönes Elternhaus am Alsterufer.

Anni malte das letzte Kreuz und betrachtete zufrieden ihr Werk. Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer vor Freude. Mit Schwung warf sie ihren Koffer, den der Hausmeister für sie aus dem Keller geholt hatte, auf ihr Bett, das eher einer Pritsche glich und jedes Mal empört quietschte, wenn man sich darauf niederließ oder auch nur im Schlaf umdrehte. Staub wirbelte auf und verschmutzte die blütenweiße Bettwäsche. Gestern hätte Anni das noch mit Schrecken erfüllt. Fräulein Winter, die Hauswirtschaftslehrerin, führte ein strenges Regiment im Haus. Doch von heute an konnte ihr das ganz gleichgültig sein.

Sie sah hinunter auf den Stapel Blusen, die sie soeben aus dem Schrank genommen hatte, und wurde von plötzlichem Übermut erfasst. Statt die sorgfältig gefalteten Kleidungsstücke ordentlich auf den Boden des geöffneten Koffers zu legen, griff sie nach dem obersten und warf es von der Stelle, an der sie stand, die gut zwei Meter in Richtung Bett. Weitere Kleidungsstücke folgten, mit beiden Händen griff Anni in den Schrank und schleuderte alles kunterbunt durcheinander in den Koffer, bis ein wüster Haufen entstanden war. Anni lachte auf, doch sie zuckte zusammen, als sie hörte, wie sich die Zimmertür hinter ihrem Rücken öffnete. Wenn das Fräulein Winter war, war sie geliefert. Selbst wenn dort bloß ihre Mitbewohnerin Else im Türrahmen stand, würde diese sofort auf dem Absatz kehrtmachen, um sie bei der Lehrerin anzuschwärzen …

Anni, die herumgefahren war, ließ befreit die Luft entweichen, als sie Käthe erkannte, die mit offenem Mund auf die Bescherung starrte.

»Was machst du denn da?« Käthe schüttelte den Kopf, dass die dunkelblonden Zöpfe flogen. »Nun musst du zu Hause alles noch mal bügeln.«

»Ach, das …«, Anni unterbrach sich.Das macht unsere Hilde, hatte sie eigentlich sagen wollen, sich aber gerade noch rechtzeitig auf die Zunge gebissen. Bei Käthe gab es keine Hausangestellten, dafür aber fünf weitere Geschwister in einer viel zu kleinen Wohnung. »Das macht mir nichts aus«, sagte sie stattdessen, obwo