1. Der missratene Handschuh
Es war einmal ein Königreich, in dem ein alter König herrschte. Er war in der Regel gerecht, aber gelegentlich ein bisschen griesgrämig und manchmal ein wenig geizig. Der König hatte vierundzwanzig Töchter, die es alle zu verheiraten galt. In diesem Königreich war es Sitte, dass die Prinzessinnen einen Handschuh strickten oder häkelten, und wem der Handschuh passte, der bekam die Hand der Prinzessin. Das führte dazu, dass die meisten Prinzessinnen beim Stricken und Häkeln sehr eifrig waren, denn sie schauten sich die Hände ihrer Traumprinzen genau an. Versuchte sich ein Möchte-gern-Prinz am falschen Handschuh, wurde das Urteil gefällt: Der Anwärter wird geköpft!
Da es ein aufgeklärtes Königreich war, wurden keine Todesurteile mehr vollzogen. Aber das „Raus! Köpfen!“ war Tradition. Da die Prinzessinnen geschickt zu häkeln und zu stricken wussten, waren die ersten 23 Töchter ohne Probleme glücklich verheiratet worden.
Nun war dem alten König noch die jüngste Prinzessin verblieben. Er seufzte, wenn er an sie dachte. Sie war ihm ans Herz gewachsen und er wünschte sich einen würdigen Ehemann für sie, denn es war auch Brauch, dass der Ehegemahl der jüngsten Prinzessin einst das Königreich übernehmen würde. Unglücklicherweise hatte unsere Prinzessin wenig Geschick für diese Handarbeit. Stunde um Stunde beugte sie ihren dunkelbraunen Schopf über ihr Häkelwerk, aber es wollte nicht werden. Mit dem Stricken gab sie sich gar nicht erst ab, das dauerte ihr zu lange. Lieber machte sie sich in der Werkstatt mit der Laubsäge zu schaffen und stellte manch kunstvolle Sägearbeit für den König her. Sein Arbeitszimmer war mit den feinen Stücken seiner Jüngsten aufs Herrlichste geschmückt.
Nun kam aber der Tag, an dem auch diese Prinzessin ihren Ehegatten küren musste. Wieder hatte sie Stunde um Stunde gehäkelt, aufgezogen, neu gehäkelt. Wann immer sie konnte, lief sie hinaus in den Garten, ließ die Laubsäge kreisen oder sah heimlich den Rittern bei ihrem Treiben zu, wobei ihr immer ein blondgelockter Prinz auffiel. Als dieser ihr einmal zugelächelt hatte, wäre sie fast in Ohnmacht gefallen. Natürlich hatte sie auch seine Hände betrachtet: praktische Hände, die mit einem Schwert genauso gut umzugehen wussten wie mit einer Schreibfeder, nicht verweichlicht wie die mancher Prinzen oder Ritter, die sich tagein tagaus nur mit dem Führen ihrer Bücher beschäftigten.
Viele Tränen waren über das Antlitz der kleinen Prinzessin geflossen, derweil sie sich immer wieder bemühte, einen Handschuh zu schaffen, der ihrem Traumprinzen passen würde. Während sie mit der Laubsäge mit großem Geschick kleine Vögelchen in einem wunderschönen laubbedeckten Käfig schuf, träumte sie davon, wie ihr Prinz den Handschuh anzieht…und er wundersamerweise passt.
Schließlich war der Tag gekommen. Der König saß auf seinem Thron und sprach zu seiner Tochter: „Willst du uns deinen Handschuh zeigen?“ Die Prinzessin wisperte etwas, das niemand verstand, weil es so leise war.
„Meine Tochter, bitte sprich lauter, wir haben dich nicht verstanden: Willst du uns deinen Handschuh zeigen?“ Die Prinzessin lief rosarot an und sprach:
„Öhm, eigentlich…lieber nicht.“
Ein Raunen ging durch den Saal, das hatte es noch nie gegeben. Der König runzelte die Stirn. Auch seine Lieblingstochter musste den Sitten folgen.
„Nun denn, dann zeige uns bitte dein Meisterwerk, das für die Hand deines zukünftigen Gatten passend ist.“
Die Prinzessin holte aus einem Beutel ein zusammengeknäultes Etwas hervor. Der Thronsprecher nahm es ihr mit spitzen Fingern ab und breitete es vor dem König und dem gesamten Hofstaat aus. Der König hob die Augenbrauen, die Höflinge und Hofdamen drehten sich zur Seite und kicherten. Ein monströser Handschuh lag vor ihnen. Viel zu breit für eine normale Männerhand, der Daumen fast länger als der Zeigefinger und auch sehr breit. Der König sackte auf seinem Thron zusammen. Dann setzte er sich energisch wieder gerade und klatschte mit dem Schwert dreimal auf den Steintisch vor sich: „Ruhe bitte! Wir werden diesen Handschuh drei Tage aushängen, und wer sich in diesen Tagen bewirbt und wem der Handschuh passt, der erhält nicht nur die Hand meiner Tochter, sondern in 636 Tagen, so wie es althergebrachte Sitte ist, auch meinen Königsthron.“
Der Handschuh wurde in einem Glaskasten außen am Schloss angebracht. Jeder, der zum Markt ritt oder ging, kam an ihm vorbei und konnte ihn sich anschauen. Auch der blonde Prinz ritt einige Male daran vorbei. Die Prinzessin beobachtete ihn, konnte aber nichts aus seiner Mimik lesen. Eines Morgens sah sie mit Schrecken, dass Marvin vor dem Handschuh stehen blieb, sich auf die Schenkel klopfte und frohgemut weiterzog.
Schon die Tatsache, dass Marvin Frohmut verbreitete, war schrecklich genug. Marvin war in diesem Land als Obergriesgram bekannt. Er war Schmied und seine Lehrlinge hatten nichts zu lachen. Schon mehrmals musste der König ihm androhen, dass seine Schmiede geschlossen werde, wenn er seine Lehrlinge nicht mit ordentlichem Essen versorgen würde … und schimmliges Brot in Milchsuppe gehöre sicherlich nicht dazu. Marvin war groß und vierschrötig. Selbst seine Hände waren aber im Grunde zu zart für den Handschuh, den die Prinzessin gehäkelt hatte. Trotzdem hatte sie ein ungutes Gefühl, als sie ihn beobachtete.
Für den Handschuh konnte es drei Bewerber geben, das waren drei Tage, für jeden Bewerber einer. Am ersten Tag saß der König auf seinem Thron, neben ihm die blasse Prinzessin. Alle Höflinge und Hofdamen waren versammelt, denn die Sensation hatte sich herumgesprochen. Der Thronsprecher trat vor: „Möchte sich einer zeigen, der würdig ist, das Herz der Prinzessin zu gewinnen und passend mit seiner linken Hand in den Handschuh zu schlüpfen?“
Alle warteten gespannt. Da trat der Müller hervor.
„Ey, ich glaube, der Handschuh könnte mir passen!“
Die Prinzessin wurde eine Nuance blasser. Der Müller war ein grober Gesell, geizig obendrein.
„Nun denn, mein guter Müllersmann“, der König schluckte, „probier dein Glück mit dem Pfand deines Lebens.“
Der Müller trat hervor und steckte seine große breite Hand in den Handschuh … aber der Daumen des Handschuhs baumelte deutlich am Daumen des Müllers hinab. Erneut ging ein Raunen durch den Saal. Der König blickte auf: „Der passt nicht. Führt den Mann ab und köpft ihn.“
Der Müller erschrak nicht sonderlich, denn er kannte die Sitten in diesem Königreich sehr gut. Er würde jetzt ins Verlies gesteckt und zufällig würde über Nacht die Türe zu seinem Gefängnisoffen gelassen. Dann musste er sich bis zur nächsten Generalamnestie verstecken. Normalerweise gab es in diesem Königreich alle drei Tage eine Generalamnestie.
Der König wandte sich seinen Tagesgeschäften zu und seufzte. Die Prinzessin seufzte ebenfalls erleichtert und erhaschte noch einen funkelnden Blick aus strahlenden Augen unter blonden Locken. Da seufzte sie erneut, um dann wieder blass auf ihren Stuhl zurückzusinken. Die Hände des jungen Mannes waren nicht gewachsen.
Es kam der zweite Tag. Gespannt verfolgten die Höflinge und Hofdamen das Geschehen. Der Thronsprecher trat vor:
„Möchte sich einer zeigen, der würdig ist, das Herz der Prinzessin zu gewinnen und passend mit seiner linken Hand in den Handschuh zu schlüpfen?“
Hinten im Saal kam Unruhe auf. Man hörte eine barsche Stimme:
„Macht mir Platz!“
Marvin drängte nach vorne. Die Hofdamen verzogen ihre Gesichter und hielten sich Taschentücher mit Rosenduft unter die Nase, denn Marvins schmutziges Gewand stand nicht nur vor Schmutz, sondern roch nach Stall und Dung. Marvin marschierte nach vorn, riss dem Thronsprecher den Handschuh aus der Hand und steckte seine Linke hinein. Ein lautes Raunen ging durch den Saal, die Prinzessin bekam Augen so groß wie Suppenteller und der König wischte sich mit einem überdimensionierten Tuch die schweißnasse Stirn: Der Handschuh passte wie angegossen!
Die Prinzessin überlegte blitzschnell, welche Arten von Freitod es gäbe, den sie versuchen könnte, ohne dass dabei ihr Magen rebellieren würde. Ihr fiel keiner ein. Der König blieb fünf Minuten stumm. Aber dann sprach er (denn er war ein gerechter König):
„Gut, Marvin, deine Hand passt. Und so will ich dir die Hand meiner Tochter geben. Tochter, steh auf, damit ich eure Hände aufeinanderlegen kann.“
Die Prinzessin sah ihren Vater hilfesuchend an, aber er schaute bewegungslos und – ohne eine Miene zu verziehen – auf sie herunter. Marvin lächelte siegesgewiss und zeigte dabei sein gelbes Gebiss. Gierig griff er mit der Rechten nach der zarten Hand der Prinzessin.
„Halt!“, rief der König. „Eine Kleinigkeit noch: In Anerkennung...