Am 26. Mai des Revolutionsjahres 1789 hielt Friedrich Schiller seine berühmte programmatische AntrittsvorlesungWas heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? (Abb. 2) an der Universität Jena. In diesem Zusammenhang situierte sich der deutsche Schriftsteller nicht nur als Historiker in den zeitgenössischen Diskussionen um dieUniversal History und im Spannungsfeld zwischen dem ‚Brotgelehrten‘ und dem ‚philosophischen Kopf‘, sondern vermittelte seinen Zuhörerinnen und Zuhörern auch eine mutige Vision des je eigenen Tuns und der Herausforderungen im Kontext zunehmend weltumspannender Lebenszusammenhänge. Viele seiner Argumente und Vorstellungen waren bereits zum damaligen Zeitpunkt diskutierbar, nichts davon war indiskutabel; aber bis heute blieben viele seiner programmatischen und vor allem prospektiven Überlegungen diskussionswürdig.
Abb. 1: Ludovike Simanowitz: Portrait Friedrich Schillers, um 1793/94.
Abb. 2:Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Titelblatt des separaten Erstdrucks von Friedrich Schillers Antrittsrede, 1789.
In diesem Band wird es weniger um eine kritische Bestandsaufnahme vergangener und gegenwärtiger Romanistik als um eine Vision der möglichen Zukünfte gehen, denen sich das Fach gegenüber öffnen sollte, will es seinen Anspruch auf eine zentrale Rolle im Fächerkanon der Geistes- und Kulturwissenschaften nicht endgültig verlieren, sondern bewahren und ausbauen. Weltumspannende Entwicklungen, so machte schon Schiller deutlich, bestimmen unser Leben, unabhängig davon, ob wir wie der Dichter in einer Phase beschleunigter Globalisierung oder – wie wir heute –nach einer solchen leben.
Die Romanistik als weltumspannendes Fach muss sich dieser Aufgabe und Herausforderung mutig stellen. Die Zeit des Ausblendens programmatischer Fragen und des ‚Weiterwurstelns‘ in einem undefinierbaren ‚Weiter-So‘ ist vorbei. Dieser Band unternimmt beherzt und sicherlich angreifbar den Versuch, den Gegenstand ‚Romanische Literaturwissenschaft‘ unter Einschluss kulturwissenschaftlicher Aspekte im Kontext der Literaturen der Welt1 näher zu bestimmen, die herausragende, ja überlebenswichtige Bedeutung dieses Studienobjekts zu präzisieren und prospektiv nach den künftigen Möglichkeiten für Forschung, Studium und Leben im Bereich der Romanischen Literaturwissenschaft zu fragen. Zu den programmatischen Herausforderungen zählen Fragen wie: Welches Wissen vermittelt die Literatur und warum ist die Romanistik eine Archipel-Wissenschaft? Wie könnte eine (romanische) Philologie der Zukunft aussehen? Wie lässt sich das Verhältnis zwischen den Romanischen Literaturen und den Literaturen der Welt begreifen?
Weltumspannende Relationen und Beziehungen prägen selbst unser Alltagsleben – und dies nicht erst seit heute, sondern seit mehr als fünf Jahrhunderten.2 Gerade die Romanischen Literaturen der Welt haben dies eindrucksvoll aufgezeigt. Die Romanistik aber hat die sich ihr auf diesem Feld bietenden Möglichkeiten und Chancen noch längst nicht ausreichend genutzt. Gerade auch an dieser Stelle gilt es daher anzusetzen, um die Romanistik für dieses Jahrhundert fit zu machen. Doch zurück zu Friedrich Schillers historischer Vorlesung in Jena!
Es war eine Antrittsvorlesung, welche nach vielerlei Aussagen den damaligen Saal an der Jenenser Universität zum Kochen brachte – eine Tatsache, die sich freilich in