-Olivia-
Es ist ein regnerischer Donnerstagmorgen, als ich ihm das erste Mal begegne. Mit ruhigen Schritten betritt er gemeinsam mit unserer Englischlehrerin Mrs Clark den Raum. »Bitte begrüßt mit mir Tae-sung Choi. Er ist erst kürzlich aus Seoul hierhergezogen und wird bis zum Sommer im Rahmen eines Austauschprogramms in eurer Klasse sein«, erklärt sie mit einem Lächeln und deutet auf den jungen Mann neben sich. Er nickt leicht, seine Augen wandern neugierig durch den Klassenraum.
»Welches Austauschprogramm beginnt denn erst so kurz vor den Prüfungen?«, meint meine beste Freundin Chelsea verwundert und stößt mir ihren Ellenbogen in die Seite, damit ich ihr Beachtung schenke, statt Tae-sung anzustarren. Ich reagiere nicht auf ihre Worte, denn meine gesamte Aufmerksamkeit gilt dem neuen Schüler. Es kommt zwar nicht selten vor, dass wir hier am CATS College Schüler aus aller Welt haben, weil es eine Privatschule mit internationalem Ruf ist, doch etwas an Tae-sungs Art zieht meinen Blick beinahe magisch an. Neugierig betrachte ich seine hochgewachsene und schlanke Gestalt. Die Schuluniform, die aus dunkelblauer Hose, weißem Hemd und dem Pullunder mit roten und braunen Rauten besteht, wirkt an ihm so anders als an den anderen Jungs in meiner Klasse. Er sieht darin wesentlich eleganter aus, was man vom Rest der Klasse, einschließlich mir, kaum behaupten kann. Seine dunklen Augen versteckt er hinter einer schwarzen Hornbrille mit dicken Gläsern.
Der junge Mann streicht sich sein dunkelbraunes Haar aus der Stirn. Sogleich fällt mir ein silberner Ring an seinem kleinen Finger auf, der einzige Schmuck, den er trägt. Sein Gesichtsausdruck zeigt eine Gelassenheit, als wäre er jemand, der viel Aufmerksamkeit von fremden Menschen gewohnt ist. Dennoch wirkt er zurückhaltend, um sie nicht übermäßig auf sich zu ziehen.
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Unsere Blicke treffen sich für den Bruchteil einer Sekunde – und für einen Moment stockt mein Herz, nur, um dann in doppeltem Tempo weiterzuschlagen. Tae-sung schiebt sich mit dem Zeigefinger die Brille etwas höher auf die Nase und grinst mich geradewegs an. Sofort wende ich peinlich berührt mein Gesicht ab und fixiere die leere Seite meines Collegeblocks vor mir auf dem Tisch.
Wieder stößt mich Chelsea an. »Hey Liv, du hast den Kerl ja angestarrt, als wäre er vom Himmel gefallen.« Sie kichert leise hinter vorgehaltener Hand. Röte schießt mir ins Gesicht. Keine Ahnung, woher mein plötzliches Interesse für den Neuen herkommt, aber der intensive Blick aus seinen braunen Augen ging mir gerade unter die Haut.
»Ach was, er hat doch ebenfalls gestarrt«, erwidere ich ebenso leise, damit nur sie mich hört und versuche meine Stimme dabei ganz beiläufig klingen zu lassen, auch wenn mein Herz immer noch wie wild gegen meinen Brustkorb hämmert. Erneut hebe ich möglichst unauffällig den Kopf. Mrs Clark hat ihn bereits auf einen der freien Plätz in der ersten Reihe geschickt.
Chelsea lehnt sich auf ihrem Stuhl vor und stützt ihr Gesicht in den Ellenbogen, während sie mich neugierig mustert. Das macht sie immer, wenn sie der Meinung ist, ich würde etwas vor ihr verbergen wollen. Ich weiche ihrem eindringlichen Blick jedoch gekonnt aus.
»Ich mag seine Augen«, sagt sie dann geradeheraus. »Sie sind so … mh, irgendwie geheimnisvoll.«
Ich schlucke nervös. Genau dasselbe habe ich ebenfalls gedacht, als sich unsere Blicke kurz begegnet sind. Es kam mir sogar so vor, als würde er nur mich ansehen und den Rest der Klasse einfach ausblenden.
»Chelsea. Olivia. Eure Privatgespräche könnt ihr in der Pause führen. Wir beginnen jetzt mit dem Unterricht«, mahnt unsere Englischlehrerin. Beim Klang ihrer strengen Stimme zucke ich regelrecht zusammen und drehe mich wieder nach vorn. Doch ich schaue nicht an die Tafel, an der unsere Lehrerin gerade den Termin für den nächsten Test notiert, sondern geradeaus auf Tae-sungs Nacken. Seine Haare sind dort etwas kürzer als das Haupthaar, weshalb mir sofort ein kleines Tattoo auffällt. Es ist ein Stern mit einigen Schriftzeichen drum herum, die ich nicht deuten kann. Tae-sung bewegt sich und fährt sich mit der Hand kurz über Hinterkopf und Nacken, als hätte er meinen intensiven Blick gespürt. Diese Geste sorgt dafür, dass auch ich endlich meinen Blick von ihm abwende und