Kapitel1
Der persische Großkönig ließ den Blick über das Herz Athens schweifen.
Die Sonne brannte ihm heiß auf den Nacken, doch vom Meer wehte ein sanfter Wind heran, der einen süßlichen Verwesungsgeruch mit sich trug. Xerxes schloss die Augen, atmete tief ein und genoss die Stille. Der große Markt, die Tempel, die Straßen mit den Wohnhäusern, Werkstätten und Tavernen waren menschenleer. In gewisser Weise war es ein sehr intimer Moment. Es war, als säße er am Schminktisch einer Frau und würde all seine kleinen Schubladen öffnen, um ihre Geheimnisse in Erfahrung zu bringen.
Die Soldaten in der Stadt waren ausnahmslos seine eigenen. Sie hatten Athen von einem Ende zum anderen durchkämmt und waren in jedes Lagerhaus, jedes Geschäft und jeden Haushalt eingedrungen. Die einzigen Griechen innerhalb der Stadtmauern waren ein halbes Dutzend zahnloser und blinder Alter gewesen, die von ihren Familien zurückgelassen worden waren. Als sie die unvertrauten Stimmen der persischen Soldaten hörten, hatten sie geistlos gelacht. Xerxes hatte keine Verwendung für sie gehabt und sie wie streunende Hunde töten lassen. Es war fast ein Gnadenakt gewesen.
General Mardonius, der drei Schritte hinter dem Großkönig ging, schien ebenfalls tief in Gedanken versunken. Nachdem sie Hunderte von alten Berichten über Athen gelesen hatten, kamen ihnen viele Orte in der Stadt eigenartig vertraut vor. Zum Beispiel die Akropolis, der steile Kalksteinfels, der zu ihrer Linken wie ein Wachturm über der Stadt aufragte. Oder der aus hellem Gestein bestehende Areopag, auf dem jahrhundertelang ein Rat aus athenischen Adligen getagt hatte.
Vor sich sah Xerxes den Pnyx, einen Hügel mit breiten Stufen an den Hängen und Bäumen, die wie Klingen aufragten. Normalerweise debattierte dort die berühmte Versammlung, deren Mitglieder weder Könige noch Tyrannen anerkannten. Er hätte sie gerne gesehen, diese Männer, die sich so intensiv mit ihren kleinen Gesetzen beschäftigten. Doch an diesem Tag war der Pnyx verlassen. Die Bewohner Athens waren zum Hafen hinuntergegangen und hatten sich von Schiffen über das tiefe Meer fahren lassen. Sie waren lieber vor ihm geflohen, als sich den Raubzügen seiner Armee aussetzen und die Konsequenzen ihrer Arroganz tragen zu müssen.
Xerxes ging durch hallende Straßen, in denen sämtliche Türen weit aufstanden. Abgesehen von ein paar Katzen, die sich auf den Dächern wärmten, waren seine Unsterblichen die einzigen Lebewesen weit und breit. Mit ihren langen, getäfelten Umhängen und den eingeölten Ringelbärten sahen sie wie Statuen aus. Der Großkönig schätzte sie genauso sehr, wie sein Vater es getan hatte, wie bevorzugte Kinder oder geliebte Jagdhunde. Sie waren zugleich der Schild und die größte Zierde seiner Herrschaft. Die Hälfte von ihnen war an den Thermopylen von den rot gewandeten Schlächtern aus Sparta niedergemetzelt worden. Von diesem Schlag hatten sie sich noch immer nicht erholt. Doch letzten Endes hatten seine Unsterblichen den Pass freigeräumt! Wegen dieses Sieges hatte Xerxes beschlossen, sie als seine Leibwache zu behalten und mit seinem Segen zu ehren. Die verbliebenen fünftausend waren Überlebende, geschunden und gezeichnet, aber auch stärker, weil sie die letzten Spartaner sterben sahen. Die Unsterblichen hatten in dem Pass zwar nicht aufgegeben, doch seither hielten sie sich nicht mehr für unschlagbar und weltweit einzigartig. Xerxes hatte ihr ungläubiges Entsetzen gesehen. Im Angesicht