: Anna Dietrich
: Plötzlich die perfekte Lady Roman | Regency-Romance für Fans von Bridgerton
: Piper Verlag
: 9783492604048
: 1
: CHF 8.90
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: German
: 400
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
So witzig kann Regency sein!? Unerwiderte Liebe ist die Tragik in Prinzessin Jekaterinas Leben, seit sie Prinz Alexander kennt. Denn er macht aus seiner Ablehnung keinen Hehl: Jekaterina ist ihm zu laut und zu tollpatschig. Er schwört, sie niemals als mögliche Braut in Betracht zu ziehen. Dieser Entschluss steht fest, auch wenn er mehr und mehr erkennt, dass die Prinzessin, trotz aller Affronts, eine mehr als anziehende Person ist. Doch dann stürzt die ungeschickteste Prinzessin aller Zeiten eine Treppe hinunter, und nichts ist mehr, wie es war ...  Anna Dietrich entführt uns in die Zeit des 19. Jahrhunderts und erzählt von rauschenden Bällen und einer ganz besonderen Liebesgeschichte.  Für alle Fans von der Netflix-Serie ?Bridgerton? und den Regency-Romanen von Julia Quinn.

Anna Dietrich ist Literaturwissenschaftlerin und eine ausgemachte Leseratte. Liebesromane sind ihre absoluten Lieblinge. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und Sohn im beschaulichen Süden von Berlin. »Plötzlich die perfekte Lady« ist ihr Debütroman.

KAPITEL EINS


Weinheim, 1816

Liebes Tagebuch,

ich habe mich verliebt. So unwiederbringlich wie folgenschwer. Aber nicht in irgendjemanden. Sondern in Prinz Alexander Friedrich von Baden, Enkel und Erbe jenes Großherzogs, bei dem Mutter und ich gerade residieren, und obgleich er nichts von meinen Gefühlen ahnen kann, so glühen doch meine Wangen, jedes Mal, wenn ich ihn erblicke.

 

 

Wien, 1818

Prinzessin Jekaterina Aljona Petrowna – allgemein von ihren Liebsten schlicht Kati genannt – wurde an einem kühlen Sonnabend Ende März bei einer musikalischen Soiree im Salon der Freifrau Henriette von Pereira-Arnstein in die gehobene Wiener Gesellschaft eingeführt. Es war der Abend, an dem sich halb Wien in die kleine Prinzessin verliebte, eine junge Dame aus feinstem russischen Adelshause, über drei schmale Ecken direkt mit der Zarenfamilie verwandt und von solch exquisiter Schönheit, dass es selbst Damen den Atem verschlug. Die Herren der feinen Gesellschaft, ob nun von Adel oder nicht, buhlten seit diesem Abend allesamt um die Gunst der schönen Prinzessin. Und so kam Jekaterina bereits zwei Monate nach ihrem Debüt in den Genuss von einem halben Dutzend Anträge heiratswilliger Kandidaten, darunter ein preußischer Fürst, zwei jüdische Bankiers, ein italienischer Marchese und ein Blumenverkäufer aus der Salvatorgasse, der ihr nicht nur augenblicklich seinen gesamten Stand schenken wollte, als sie ihn kurz anlächelte, sondern auch noch am selben Tage bei ihrer Mutter vorsprach und selbst drei Wochen nach dem Zurückweisen seines Antrages täglich einen Strauß üppiger Tulpen auf den Stufen des Stadtpalais der Damen Petrowna hinterließ.

Als er den letzten Strauß ablegte, stürzte eines der Dienstmädchen ihm entgegen und flehte ihn an – um ihrer aller Nasen willen –, er möge davon ablassen. Die Prinzessin sähe sich außerstande, seine Geschenke zu verschmähen, aber alle im Hause, vom obersten Butler bis zum jüngsten Lieferburschen, würde der Duft von achthundert Tulpen langsam, aber sicher in den Wahnsinn treiben.

Tapfer soll der Blumenverkäufer seinen Strauß daraufhin wieder mitgenommen und ihn stattdessen der Tochter des Frackschneiders gegenüber geschenkt haben, als diese gerade vor der Ladentür kehrte. Es waren die ersten Blumen, die sie jemals geschenkt bekommen haben soll, und es hieß, die beiden hätten noch im selben Jahr geheiratet.

Ob es sich wirklich so zugetragen hat, konnte Jekaterina nicht beschwören, aber als sie geraume Zeit später mit ihrer Zofe durch die Salvatorgasse schlenderte, um neu eingetroffenen Tand in den Schaufenstern zu bewundern, da sah sie den Blumenverkäufer eine Kusshand über die Straße werfen, und das rotbäckige Mädchen mit dem Kehrbesen gegenüber fing sie mit einem spitzbübischen Lächeln ein.

Der Gedanke, dass, wenn schon nicht sie selbst, so wenigstens andere die große Liebe fanden und auch feiern durften, spendete ihr Trost. Trost, den Jekaterina dringend brauchte, wenn sie nachts allein in ihrem Zimmer war und über einen unerreichbaren badischen Prinzen nachdachte, der ihr wohl niemals eine Kusshand zuwerfen würde, nicht einmal, wenn sein Leben davon abhinge. Und sie wollte bestimmt nicht hoffnungslos werden, aber manches Mal, wenn sie so wach lag und sich gar kein Schlaf finden ließ, fragte sie sich, ob solch heftige Gefühle wie die in ihrer Brust wohl wirklich ein Segen waren.

Oder nicht vielmehr ein Fluch.

*

Als Mutter und Tochter an einem sonnigen Morgen im grünen Salon weilten und Sonjas zarte Finger durch die eingetroffenen Einladungen blätterten, hielt sie einen Moment inne. Ihr Blick fiel kurz und vielsagend auf ihre Tochter gegenüber, die in einer Gedichtsammlung von Ludwig Tieck las.

Die Einladung, die Sonja Petrowna stocken ließ, war auf schnörkelloses Büttenpapier geschrieben, doch das blutrote Wachssiegel mit den Rauten und den Pfälzer Löwen darunter sprach für sich selbst, noch bevor sie sich die Mühe machen musste, den Namen der Unterzeichner zu lesen. Als ob sie den Blick auf sich gespürt hätte, blickte Kati auf und sah ihre Mutter fragend an. Nun herrschte ein tiefer Widerstreit in Sonja, ob es wohl angeraten wäre, just diese Einladung der Tochter zu verschweigen. Doch Jekaterina hatte das Papier bereits in den mütterlichen Händen entdeckt, und ihr Gesicht begann zu leuchten.

»Ist das etwa ein Brief vonihm?« Sonja sah die Hände der Tochter aufgeregt flattern und brachte nicht mehr zustande als ein Nicken, da war Kati schon aufgesprungen und hatte ihr das Schreiben aus den Fingern gerissen.

»Eine Einladung zur Sommerfrische!«, rief sie überglücklich und presste das Schriftstück einen Moment lang leidenschaftlich an ihre Brust. In Sonjas Kopf erschien ungefragt die Erinnerung an die letzte Sommerfrische auf Schloss Weinheim, und sie dachte an die hemmungslosen Tränen, die in jener letzten Nacht vor ihrer Abreise von Jekaterina ins Kissen geweint worden waren, und in diesem Moment schüttelte sie kategorisch den Kopf.

»Dieser Einladung werden wir nicht folgen!«, meinte sie sehr bestimmt. Katis Blick flog zu ihr, und sie sah sowohl die Bestürzung als auch das Unverständnis.

»Aber …«, Kati rang nach Worten. Entgegen ihrer Natur hielt sie keine sofortige, flammende Gegenrede, sondern besann sich eines Besseren. Wählte den diplomatischen Weg.

Sie ließ sich zu den mütterlichen Röcken auf den Boden sinken und meinte möglichst ruhig:

»Ich kenne deine Bedenken, liebsteMamutschka. Aber verstehst du nicht, dass ich ihn sehenmuss?« Ihre Stimme klang flehend, und ihr Blick sprach Bände. Sonja rang einen Moment mit sich selbst.

»Nein«, antwortete sie, aber es klang nicht so überzeugend, wie sie es sich gewünscht hätte.

»Ich will … ich möchte doch nur dein Bestes!«, setzte sie noch hinzu, doch Jekaterina schüttelte vehement mit dem Kopf.

»Er ist mein Bestes!«, rief sie impulsiv. Sonja suchte nach einer neuen Taktik.

»Es gäbe so viele passende Kandidaten, Jekaterina. Hier in Wien. Wenn du ihnen nur jemals eine Chance geben würdest!«

Die Tochter schluckte, wartete einen Moment, ehe sie antwortete.

»Was wäre, wenn ich dir verspräche, dass ich jeden Mann heiratete, den du mir aussuchen würdest?« Sonja blinzelte einen Moment verwirrt. Jekaterina nickte eindringlich.

»Ja, jeden. Aber gewähre mir noch diesen Sommer. Gib mir diesen Sommer Zeit, ihn zu sehen. Er ist der eine für mich. Ichspüre es. Und wenn ich es nicht schaffen sollte, dass er um mich anhält …«, nun versagte ihr beinahe die Stimme, »wenn ich das nicht schaffe, dann heirate ich, wen immer du für mich wählst!« Sonja wollte sofort einwenden, dass Jekaterina diese Entscheidung selbst treffen durfte, ja, sollte. Sonja selbst war das seinerzeit verwehrt geblieben, und dies trug sie ihrer Mutter immer noch nach. Selbst nach deren Tod. Es war schändlich, sie wusste das. Man musste den Toten vergeben, sie in Frieden ruhen lassen, doch Sonja Petrowna wusste, dass sie nicht stark genug war, ihrer Mutter zu verzeihen.

Ihr Blick fiel auf Jekaterinas Hände, die sich in den Stoff ihres Rockes krallten, um das Zittern zu verbergen, und ihr mütterliches Herz erweichte.

»Versprichst du mir, dass du den Mann heiraten wirst, den du selbst aussuchst?«, fragte sie atemlos, und Kati nickte sofort.

»Aber …«, Sonja atmete tief durch, »aber sollte Prinz Alexander dich nicht zu seiner Gemahlin erwählen, so wirst du aufhören, auf ihn zu warten. Sind wir uns da einig?«

In den Augen ihrer Tochter konnte Sonja lesen wie in einem Buch. Sie sah Mut und Hoffnung und einen Hauch von Skepsis. Man musste Jekaterina sehr gut kennen, um zu verstehen, dass sie ebenso an sich selbst zweifelte wie alle Menschen. Es hielt sie nur nie davon ab, Dinge zu tun. Selbst unerhört törichte, wagemutige Dinge.

Wie nochmals nach Schloss Weinheim zu reisen, obgleich ihr letztes Mal das Herz gebrochen worden war und zu befürchten stand, dass jenes Herz, das seither nur oberflächlich geheilt war, diesen Sommer erneut einen Knacks...