Mittwoch, 30. Oktober
10 – Walserberg
»Servus, Adrian!« Ben stand neben seinem Auto auf dem Klinikparkplatz und hob die Hand zum Gruß.
Adrian schwang die Beine aus dem Auto. »Grüß dich, Ben.«
Da es am gestrigen Abend spät geworden war, hatten sie sich darauf geeinigt, auf eine morgendliche Teambesprechung zu verzichten und sich stattdessen erst um 9.00 Uhr direkt am Kinderwunschzentrum zu treffen. Für einen kurzen Austausch würden sie sich nach dem Mittagessen um zwei Uhr zusammensetzen.
»Ja, da schau her!« Ben hatte den Hund entdeckt, der hoch aufgerichtet in Adrians Auto auf dem Rücksitz saß. »Hast ihn adoptiert?«
Adrian schüttelte den Kopf. »Das geht ja nicht bei unseren unregelmäßigen Arbeitszeiten. Und der Ulrike wär es auch nicht recht. Ich muss ihn ins Tierheim bringen und …« Er unterbrach sich, um nach einer Erklärung zu suchen, warum er das noch nicht getan hatte. »… und gestern war es schon so spät.«
Über das Gesicht des Kollegen huschte ein Lächeln. »Verstehe. Und heute war es noch zu früh.«
»Genau. Ich mach das nachher.«
»Aha«, sagte Ben. »Schöner Hund. Wie heißt er denn eigentlich?«
»Nach den Papieren heißt erTreff. Aber ich nenne ihn Chips.«
»Chips? Wieso?«
»Das ist mir vorhin eingefallen, wie ich Kartoffelchips gegessen habe. Klingt netter, oder?«
»Stimmt. Du isst gleich in der Früh Kartoffelchips?«
»Nur heute. Ich bin nicht zum Frühstücken gekommen. Ich hab ja noch mit dem Hund rausgehen und ein bisschen was für ihn einkaufen müssen.« Adrian machte den Kofferraum auf, nahm einen großen Kauknochen heraus, öffnete die Tür zum Rücksitz einen Spalt und gab ihn dem Tier. »Da hast was, damit dir nicht langweilig wird, Chips.«
»Hm.« Ben schaute seinen Vorgesetzten lange und nachdenklich an. »Du hast ihm einen Namen gegeben und für ihn eingekauft. Und nachher bringst ihn dann ins Tierheim?«
Ja, verdammt!, dachte Adrian. »Mach ich nachher«, sagte er.
Ben grinste. »Gehen wir?«, fragte er.
»Moment – ein paar Infos noch.« Adrian hielt seinen Kollegen zurück. »Ich hab gestern auf die Schnelle zu dem Seitz und dem Kinderwunschzentrum recherchiert. Also, der Dr. Seitz ist in Salzburg geboren und aufgewachsen. Das Medizinstudium hat er in Innsbruck absolviert und die Facharztausbildung zum Gynäkologen in Wien. Danach hat er zwei Jahre in den USA gearbeitet, und zwar in Boston an einer Klinik, anschließend, in den 1990er-Jahren, in Berlin – dort zum ersten Mal in einer Abteilung für Reproduktionsmedizin. 2000 ist er zurück nach Salzburg gekommen und hat hier die Kinderwunschklinik aufgebaut.«
»Allein?«, fragte Ben.
»Nein, zusammen mit einem Partner, einem gewissen Dr. Klaffenböck.«
Noch einmal ließ Adrian den Blick über die luxuriöse Parkanlage und den eleganten Klinikbau gleiten. »Schon sehr schick, das alles. Dürfte eine außerordentlich einträgliche Sache sein, so ein Kinderwunschzentrum. Ich frag mich nur, warum er es ausgerechnet am Walserberg gebaut hat.«
11 – Salzburg
»Oh!« Sie konnte gerade noch im letzten Moment die Rosenthal-Figur auffangen, die sie fast vom Regal gestoßen hätte. Der kleine Porzellanhund war eines der schönsten Stücke in Christiane Cabanas Geschenkboutique.
»Ist alles in Ordnung?« Auf Lisa Bergers Stirn erschien eine besorgte Falte.
Mist, dachte Christiane. Ihre Verkäuferin hatte bemerkt, wie fahrig sie war, vielleicht sogar, dass ihre Hände etwas zitterten. »Ja. Alles gut. Ich war nur unvorsichtig.«
Lisa holte tief Luft. »Unvorsichtig – du? Wo du doch jedes Stück hier im Geschäft mit so einer Sorgfalt behandelst, als wäre es ein Teil vom Schatz des Tutanchamun.« Sie legte ihrer Chefin eine Hand auf den Arm. »Geh komm, bitte! Ich seh doch, dass was nicht stimmt. Und ich hab gedacht, ich bin nicht nur deine Angestellte, sondern auch deine Freundin. Also, jetzt red schon.«
Ja, dachte Christiane. Sie hatten sich wirklich im Laufe der Zusammenarbeit weit über das Chefin-Verkäuferin-Verhältnis hinaus angefreundet. Aber reden wollte und konnte sie nicht.
»Ist was mit der Bastienne?«, insistierte Lisa.
»Nein, nein, es geht ihr gut. Es ist schon ein gewaltiges Pensum, das sie bewältigt. Aber sie lernt leicht, und die Musik bedeutet ihr so viel. Sie hat bald ein Vorspiel, wo es um einen Nachwuchspreis geht, und freut sich drauf.«
Lisa schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass dein Mozartkind hochbegabt ist. Aber die Geschichte mit dem Vater, die du neulich erwähnt hast – macht sie dir zu schaffen? Oder der Kleinen?«
Einen Augenblick lang bereute es Christiane, Lisa gegenüber eine Andeutung über den Kontakt zum leiblichen Vater von Bastienne gemacht zu haben. Gleich darauf fiel ihr ein, dass sie dadurch aber ihre Nervosität der letzten Zeit erklären konnte.
»Also, wenn du meinst, ich hätte es bereut, dass die Bastienne und ich den leiblichen Vater ausfindig gemacht haben – das ist nicht der Fall«, begann sie. Prüfend schaute sie in Lisas Gesicht. Es wirkte ehrlich besorgt. Also fuhr sie fort. »Mein Mann, der Bastian, und ich waren uns damals ja von Anfang an total einig, dass wir dem Kind die Wahrheit sagen wollten. Schrittweise haben wir ihr erklärt, dass sie ein großes Geschenk für uns ist, das aber mit der Hilfe von einem anderen Mann und einem Arzt zu uns gekommen ist, und dass der Bastian trotzdem ihr Papa ist und immer bleiben wird.«
»Ihr habt sie ja sogar nach ihm getauft, nicht? Bastian und Bastienne …« Lisa lächelte.
»Du meinst, wieBastien und Bastienne von Mozart?« Christiane lächelte. Ihr Blick schweifte durch die Scheibe der Auslage nach draußen. »Sie waren beide ganz große Mozartfans, Vater und Tochter. Die Kleine hat ihren Papa unglaublich geliebt – und er sie auch. Nur mit dem Für-immer-Papa-Bleiben hat es nicht geklappt. Wie er vom Berg nicht mehr zurückgekommen ist, ist eine Welt für sie zusammengebrochen.«
»Da war sie grade zehn, oder?«
»Ja.« Christiane wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, ehe sie fortfuhr. »Kurz vor ihrem 13. Geburtstag hat sie auf einmal gesagt, sie möchte ihren leiblichen Vater kennenlernen, also den Samenspender. Natürlich hab ich Angst vor dem gehabt, was da auf uns zukommen würde. Aber es steht dem Kind zu, zu erfahren, wer der sogenannte Erzeuger ist. Also haben wir uns seinen Namen geben lassen: Mark Jenkins heißt er, ein Amerikaner. Er war damals Musikstudent in Salzburg. Die Adresse hat natürlich nicht mehr gestimmt, aber heutzutage kriegt man ja übers Internet alles raus.«
»Also habt ihr Kontakt mit ihm aufgenommen?«
»Ja, ich hab ihn angerufen. Und was dann passiert ist, war vollkommen unerwartet, aber auch wunderschön. Der Mark hat gesagt, er hätte sowieso vor, nach Europa zu kommen, und wenn ich es erlauben würde, wollte er die Bastienne gern kennenlernen. Nichts von all den Problemen, mit denen ich gerechnet habe, ist eingetroffen. Mark und Bastienne – das war Liebe auf den ersten Blick.«
»Nur zwischen der Bastienne und dem Mark oder vielleicht auch …?« Über Lisas Gesicht huschte ein verschmitztes Lächeln.
»Quatsch! Er ist sieben Jahre jünger als ich.«
»Na und?«
»Lisa, wenn du auf eine romantische Liebesgeschichte gehofft hast, muss ich dich enttäuschen. Ich mag ihn. Das ist alles. Bastienne ist selig und stolz, weil er Musiker ist, ein hervorragender Cellist nämlich. Sie nennt ihnDaddy.«
»Aber dann ist doch alles wunderbar – oder?«
»Hm. Der Grund, warum er nach Europa gekommen ist, ist leider kein angenehmer, sondern ein berühmter Arzt in Wien, den er aufsuchen wollte. Jemand hat ihm diesen Professor empfohlen, weil er eine Kapazität von Weltruf sein soll. Mark hat Krebs.«
»Oh Gott!« Lisa schlug die Hand vor den Mund.
...