: Anton Faymann
: Anton Erinnerungen eines Buben auf dem Lande
: Verlag Margarete Tischler
: 9783903370173
: 1
: CHF 13.20
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 153
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Mit Anton blicken wir durch die Augen eines Buben, der schildert, wie das Leben seinerzeit ausgesehen hat. Er findet Worte ohne Bitterkeit und er erzählt über eine schwierige Zeit, die so war, wie sie war, die für ein Kind ist, wie sie eben ist. Anton Faymann, geboren 1933, nimmt uns mit in seine Kindheit und Jugendjahre. Er gibt Einblick in seine persönliche Familiengeschichte, berichtet über historische Einflüsse, erzählt über das Leben in Dörfl, Oberpullendorf, den Krieg, die Bubenjahre und die Kinderlandverschickung. Nimmt uns mit nach Kirchschlag in der Buckligen Welt, wo er seine Lehrjahre absolvierte. Anton Faymann erzählt ein Stück Zeitgeschichte, in dem er aufzeigt, wie Kinderjahre uns prägen. Er erzählt von einer Zeit, die vorbei ist, die man so nicht mehr erleben kann. Die jedoch bestimmend war für eine weitere gesellschaftliche Entwicklung. Hier drinnen nachfühlbar festgehalten. Einzelne Episoden sind so bildhaft beschrieben, dass sie noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis bleiben. Und sie ermöglichen uns die Persönlichkeit des Autors zu erahnen, ohne ihn je persönlich getroffen zu haben.

Angaben zur Person: Anton Faymann, geboren 1933 in Dörfl im Burgenland. Er wuchs im Familienbetrieb auf, seine Eltern hatten ein Gasthaus und eine Fleischhauerei. Nach der Schulzeit machte er eine Lehre, um den Betrieb übernehmen zu können. Doch mit 21 Jahren entschied er sich dazu, nach Australien auszuwandern. Drei Jahre später kehrte er zurück nach Wien, legte die Externisten-Matura ab, studierte an der Hochschule für Welthandel, machte den Diplomkaufmann und Doktor für Tourismusplanung. Weitere berufliche Stationen waren als Experte der Vereinten Nationen (UNO) in Afghanistan und Chile, für die Weltbank (IBRD) in Gambia und der Dominikanischen Republik, sowie für die International Labour Organisation (ILO) in Peru und der Schweiz.

Kapitel 1


Familie


Ich wurde am 25. November 1933 in Dörfl im Burgenland als zweiter Sohn meiner Eltern geboren. Mein Vater hieß Johann, aber Freunde und Verwandte nannten ihn Jonni. Er wurde im Jahre 1908 geboren, war groß und stark, mit einem runden Gesicht, das ein stetiges Lächeln ausstrahlte. Er trug einen Zweifingerbart, ähnlich wie Charlie Chaplin. Nach dem Besuch der Grundschule im Nachbarort Steinberg, das drei Kilometer von Dörfl entfernt liegt, ging er in Güns (auf Ungarisch Kőszeg) ins Gymnasium. Mit etwas über dreißig Jahren wurde er schon glatzköpfig.

Meine Mutter hieß Karoline, aber für viele war sie die Lintschi. Sie war eine geborene Gangl und stammte aus Steinberg, wo sie auch die Grundschule besuchte. Sie wurde 1912 geboren, war schlank, mittelgroß und hatte brünettes Haar. Ich nehme an, genau lässt sich das leider nicht mehr feststellen, dass sie nach dem Abschluss ihrer Grundschule im Marianum des Klosters in Steinberg die Hauswirtschaftsschule besuchte, was aller Wahrscheinlichkeit nach den Grundstein für ihre erfolgreiche Berufstätigkeit als Köchin und Wirtsfrau legte.

Es war damals so üblich, dass der erstgeborene Sohn den Namen des Vaters erhielt. Da also Johann schon vergeben war, wurde ich Anton getauft. Zwei Jahre später bekam ich eine kleine Schwester mit den Namen Ludmilla. Wir waren somit drei im Bunde und dabei blieb es auch. Zu meinen Bruder hatte ich ein eher angespanntes Verhältnis. Er bestand stets auf seinen Vorrang als Erstgeborener. Wir spielten kaum miteinander. Vielleicht war das auch einfach durch unseren Altersunterschied bedingt. An meinem Schwesterlein hatte ich eine liebenswerte Kameradin und Spielgefährtin.

Nach ihrer Eheschließung widmete meine Mutter all ihre Kraft und Zeit dem Wirtsgeschäft. Dies ließ ihr kaum Zeit für uns Kinder, aber auch nicht für sich selbst. Ich erinnere mich nicht, dass sie mich einmal gebadet hätte oder mich abends ins Bett gebracht und mir zum Einschlafen ein Märchen oder eine Geschichte erzählt hätte. Das war einem Kindermädchen anvertraut. Mir aber fehlte es an Zärtlichkeit und Geborgenheit. Jedoch war sie um das Wohlergehen von uns Kindern und um unsere Erziehung stets und ständig besorgt.

Mein Vater erbte die Gastwirtschaft, die seit Generationen im Familienbesitz war, von seinem Vater, meinem Großvater. Er hieß Alois, wurde 1877 geboren und wurde stets als Luisvetter angesprochen. Er starb im Jahre 1928, fünf Jahre vor meiner Geburt. Alles, was ich über ihn weiß, wurde mir von mehreren einheimischen Männern während ihrer Gaststubenbesuche erzählt. Er war ein starker Mann, dickleibig, hatte einen großen runden Kopf, war glatzköpfig und trug einen starken Schnurrbart. Er war in Dörfl und Umgebung eine bekannte und vielseitig angesehene Persönlichkeit. Neben der Gastwirtschaft betrieb er auch Handel mit Vieh, Wein und landwirtschaftlichen Produkten. Er war für seine Zeit sehr fortschrittlich. Es gab damals im Ort noch keinen elektrischen Strom. Im Jahre 1925 kaufte er eine Elektroturbine und ließ sie in der Mühle einbauen. Diese wurde mit Wasserkraft betrieben und erzeugte fortan elektrischen Strom für die Mühle selbst und für die Gastwirtschaft, bis zu der eine etwa fünfhundert Meter lange elektrische Leitung gelegt wurde.

Er hatte zwei leichte Pferde und war mit seiner Kutsche (Kalesche) oft tagelang zwischen Wien und Budapest unterwegs. Sein Kutscher hieß Janos (Janosch), und wenn sie nicht gerade unterwegs waren, half er auf den Feldern. Mein Großvater war äußerst bekannt für seine starke Stimme. Am Eingang zur Gastwirtschaft gab es einen erhöhten Vorbau aus Beton mit Stufen. Wann immer mein Großvater losfahren wollte, und Janos war auf dem Felde, ging er hinaus auf den Vorbau, legte beide Hände an den Mund und rief: „Janos, einspannen!“, und Janos, der oft mehr als einen Kilometer weit auf einem Felde arbeitete, kam nach Hause und spannte ein. Ich habe meine Stimme von meinem Großvater ererbt. Vielfach meinten Leute, mit denen ich gelegentlich als Erwachsener sprach, ich wäre erregt oder gar erzürnt, weil ich so laut redete. Im späteren Berufsleben sagte mir einmal eine Sekretärin sogar: „Herr Faymann, Sie haben keine Stimme, Sie haben ein Nebelhorn.“

Da mein Großvater mit seinem Handel viel unterwegs war, übe