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Professorenkinder
Wir waren Professorenkinder. Während unsere Erzeuger in der Stube saßen, Wein oder Gebranntes süffelten, Schafkopf spielten und schallend laut über die unentwegt zynischen Bemerkungen hinsichtlich aktueller Themen und die Fehlschläge der Menschheit lachten, lümmelten wir im Fernsehzimmer und gaben uns große Mühe, die Weltgewandtheit unserer Eltern zu imitieren, indem wir Monty Python schauten und teilweise sogar verstanden. Insgeheim wünschten wir uns aber die Aufmerksamkeit unserer gottgleichen Eltern im anderen Zimmer. Ach, würden sie doch bloß ein klein wenig ihrer Weisheit mit uns teilen, damit wir gegenüber den Philistern in unserer Grundschule einen Vorteil hätten
Wir, das waren ich, ungefähr acht Jahre alt, mein neunjähriger Bruder Grant sowie Wryebo und seine Schwester Katy, die gleich alt waren wie wir. Ihre Eltern hatten gemeinsam mit unseren an der University of Wisconsin-Madison studiert. Nachdem sie alle ihren Doktor in Englisch gemacht hatten, bekleideten sie nun Jobs am Institut für Englisch an der University of Wisconsin-Parkside in Kenosha. In manchen Familien, so nehme ich an, dreht sich alles immer nur ums liebe Geld. Von Anfang an wird den Kindern dessen Bedeutung eingetrichtert. In meiner Familie hieß es höchstens einmal: „Ohne Moos nix los.“ Viel mehr finanziellen Rat hatte unser Dad nicht parat. Darum kümmerte sich ein Freund unserer Familie namens Dan Zielinski. Er war ebenfalls ein Professor und ein eingefleischter Junggeselle, der sich den allwöchentlichen familienübergreifenden Meetings bei uns Zuhause nur allzu gerne anschloss. Wenn sie in der Küche saßen oder rund um den Weber-Grill standen, lachten sie über aktuelle Schlagzeilen und andere weltliche Angelegenheiten. Stets vermieden sie das vulgäre Thema Geld, da sie der Ansicht waren, dass solche Dinge einem die Lebenskraft entzögen. Der Fokus eines Professors lag vielmehr auf Abenteuer und Aufregung. Tatsächlich stellte die Uni ihren Professoren ihre Unterbringungen kostenlos zur Verfügung, damit sie sich auf wichtigere Dinge wie etwa die Lektüre vonMoby Dick, Tennismatches und Inszenierungen vonRichard III.konzentrieren konnten.
Auf der Welt gab es jede Menge zu lernen – etwa den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion sowie die mechanischen Grundlagen eines gut geworfenen Baseballs – und wir wurden stets ermuntert, uns dieses Wissen kontinuierlich anzueignen.
„Ihr solltet euch heute Abend den Film mit Peter Lorre beiNight Galleryreinziehen“, ließ uns Wryebos Dad wissen, als er auf seinem Weg zum Klo an uns vorbeischlenderte. Von uns wurde nämlich auch guter Film- und Musikgeschmack erwartet. Wir sollten Dinge begreifen können, die andere Kids nicht verstanden, und uns positiv von den durchschnittlichen Tölpeln im modernen Amerika der Nachkriegszeit abheben. Die frühen 1970er verfügten über keinerlei spezifische Eigenschaften, weshalb unsere Eltern davon ausgingen, sie könnten getrost sämtliche Vorgaben ihrer eigenen Erziehung über Bord werfen. Was gäbe es für ein besseres Geschenk, so dachten sie, als uns Kindern ein weltgewandtes Auftreten zu vermitteln, das so gar nicht unserem Alter entsprach? Wryebo und Katy hatten, noch bevor sie die dritte Klasse besuchten, bereits London und Paris bereist. Von ihren Reisen brachten sie Kartenspiele mit, die sich um geografische Themen drehten, wie etwa „Mille Bornes“ aus Frankreich. Sie wiederum erwarteten von mir, zu wissen, dass der Titel KEINE Anspielung auf eine Stadt in Australien war.
Professoren besaßen zwar nicht viel Geld, verfügten dafür aber über wahre Wissensschätze. Davon hatten sie wirklich reichlich auf Lager. Wryebo und ich hätten jedoch an jedem Tag unserer Kindheit materielle Güter vorgezogen. Grant und Katy begriffen den logischen Ansatz unserer Eltern schon in jungen Jahren, doch gelang es ihnen noch nicht, diesen sinnvoll umzusetzen.
Mein Dad, der Englischprofessor, liebte Musik und diskutierte mit mir gern über Liedtexte.How high’s the water Momma? Fifteen feet and rising …kommentierte er etwa so: „Siehst du, Greggo, wenn das Wasser erst einmal die Dammkrone erreicht hat, wird er übergehen. Johnny Cash bezieht sich damit auf ein Haus, das sich im Überflutungsbereich des Flusses befindet!“ Da ich meinen Dad unbedingt beeindrucken wollte, konnte ich nicht zugeben, dass ich keinen blassen Schimmer davon hatte, was er da sagte. Weder wusste ich, was ein Damm war, noch dass Flüsse von Zeit zu Zeit über die Ufer traten. Wo hätte ich das denn lernen sollen? Wir fuhren auf unsere Rädern jeden Tag entlang der zementierten Pfade am Küstenverlauf des Lake Michigans, lebten in unüberschaubar großen Nachbarschaften. Bei uns gab es keinen Überflutungsbereich. Die Tücken, die diese Textzeilen offenbarten, blieben mir verschlossen, da mir das Vokabular unbekannt war. Wenn man die Bedeutung von Wörtern nicht kannte, erschlossen sich einem auch keine Konzepte. Unsere älteren Geschwister – mein Bruder Grant und Wryebos Schwester Katy – lasen viel mehr als durchschnittliche Kinder. Sie verschlangen Romane, studierten Zeitschriftenartikel und schmökerten sogar im Wörterbuch. Wryebo und ich konnten da nicht Schritt halten.
Einmal fragte Wryebos Dad seine Kinder, ob sie in Milwaukees Arthouse-Kino, dem Oriental, einen Film sehen wollten. Eine ganz besondere Belohnung! Mit ihrem Dad ins Kino. Aber die Sache hatte einen Haken. Si