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Ozzie und Harriet
in Spanish Harlem
Dürres gelbes Pferd. Das war der Name, den mir die schwarzen Kids gaben, als ich aufwuchs. Mein Teint war etwas heller, und ich war so klein, dass ich immer wie ein kleines Pony um mich trat, geriet ich in eine Schlägerei. Und ich wurde immer verprügelt, denn die PS 153 an der Kreuzung 145th Street und Amsterdam Avenue zählte zu den härtesten schwarzen Grundschulen Harlems. Die Kids dort hänselten mich immer und schrieen: „Hey, Mischling, krieg’ deinen Arsch wieder zurück ins Reservat.“
Für mich war es aber nicht so schlimm wie für meine Schwester. Ich war ein Wildfang, ähnelte eher einem Jungen und konnte schnell rennen, doch Estelle verhielt sich immer so souverän und anständig, dass die Kids von der PS 153 dachten, sie sei ein Snob. Darum wurde sie noch schlimmer schikaniert. Obwohl Estelle zwei Jahre älter war, gab es Situationen, in denen ich sie gegen die anderen Kinder verteidigen musste.
Was ich aber am schlimmsten fand: Vor der Schulzeit hatte ich niemals erlebt oder verstanden, was das Wort Vorurteil bedeutet. Ich wurde am 10. August 1943 in Spanish Harlem geboren. Meine Mutter Beatrice Bennett stammte von Schwarzen und Cherokees ab, und mein Vater Louis war ein Weißer, was mich so gemischtrassig macht, wie es nur möglich ist. Meine Schwester Estelle und ich wuchsen an der 151st Street zwischen der Amsterdam und dem Broadway auf, in Nachbarschaft mit chinesischen Wäschereien, spanischen Restaurants und von Schwarzen geführten Lebensmittelgeschäften. Auf der Straße sahen wir Menschen jeder nur erdenklichen Hautfarbe. Viele Kinder unseres Blocks waren gemischtrassig, und so erschien uns eine Ehe zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe als völlig normal. Den Kids von der PS 153 passte das aber ganz und gar nicht.
Estelle und ich hatten beide lange glatte Haare, die uns aber am meisten Ärger einbrachten. Meine Mutter machte uns immer lange, dicke Zöpfe, die am Rücken hinabhingen und an deren Ende sie grell-gelbe Schleifchen befestigte. Und so trug ich meine Haare auch an dem Tag, an dem dieses Mädchen mit dem Namen Barbara fragte, ob sie sie berühren dürfe. Ich saß an meinem Tisch in der zweiten Klasse, als sie sich von hinten vorbeugte.
„Ooh, Ronnie, dein Haar sieht so weich aus“, flüsterte sie. „Darf ich es anfassen?“
Für ein schwarzes Mädchen war mein Haar ungewöhnlich samtig, und so fragten mich die anderen Kinder immer, ob sie es berühren dürften. „Klar“, meinte ich zu Barbara und machte mich wieder an die Lektüre vonDick and Jane.
„Oh, so schön“, sagte sie. „Das ist wirklich schönes Haar.“
Ich spürte, wie sie den Zopf streichelte, aber dachte mir nichts dabei. Doch dann fingen die um uns herumsitzenden Kinder zu kichern an. Die Lehrerin war noch nicht im Klassenzimmer aufgetaucht, und so drehten sich auch die Schüler vor mir um und beobachteten Barbara. Ich war es längst gewohnt, dass man mich aufzieht. Aber ich konnte überhaupt nicht verstehen, was denn so unterhaltsam an dem war, was hinter meinem Rücken vor sich ging. Dann fand ich es heraus!
„Oooooh, Barbara!“, kreischte ein Mädchen namens Cynthia. „Was machst du denn mit Ronnie?“
Ich drehte mich nach hinten, um herauszufinden, was sie denn meinte und traute meinen Augen nicht. In Barbaras Hand baumelte ein merkwürdiger brauner Strick mit einer gelben Schleife am Ende. Ich schnappte nach Luft und fasste mir an den Hinterkopf. Der Zop