EINS
„Ist das David Bowie?“
Die Ballkönigin fragt den Traumprinzen.Ihre Lippen sind so nah, dass ihr Atem sein Ohr kitzelt. Nur so kann sie sicher sein, dass er sie trotz des dröhnendenbah-bah-bah-bahder Jackson 5 versteht. Unter ihren Füßen irrlichtert es rot und grün, die Lampen unter dem bunten Plexiglasboden der vollen Tanzfläche blinken im wummernden Takt, obwohl dieses Paar auch ohne sie hell genug strahlen würde. Sie ist ein Starlet: via Chelsea auf dem Weg nach Hollywood, mit High Heels von Terry de Havilland, die bei jedem Schritt Glitzerstaub aufwirbeln. Er ist auch ein Star: ein blonder Rudolf Nurejew in einem selbstgeschneiderten Balletttrikot aus Sakko und Hosenrock, dessen Nähte seiner geschmeidigen Figur schmeicheln wie baumwollener Beifall. Sie kommen nicht bloß zum Tanzen, sondern zum Bezaubern. Und tun es auch.
„OH MEIN GOOOTT!“
Vor kaum zwei Minuten hat sich die Bewunderung eines neuen Fans über sie ergossen wie eine texanische Ölquelle.
„IHR ZWEI SEHTTOOOLLAUS!“
Eine Einladung folgte.
„KOMMT RÜBER, SETZT EUCH ZU UNS UND TRINKT EINEN SCHAAAMPUS!“
Der Bote stolzierte anschließend zu einer der mit rotem Samt gepolsterten Sitzecken zurück, die rings um die Tanzfläche angeordnet und von der anderen Hälfte von „UNS“ besetzt sind – einem langhaarigen Geschöpf in einer Art Kleid. Das Girl ist diejenige, die das Gesicht unter dem Pony erkannt hat: dasselbe putzige Gesicht, das vor ungefähr einem Jahr den Song über Einsamkeit im Weltraum gesungen hat, den sie so gerne mag. Während der Kopf damals mit kurzen, blonden Locken bedeckt war, hat er jetzt Haare wie Rapunzel. Darum musste sie ihren Freund fragen: „IstdasDavid Bowie?“
Er ist es. David Bowie, bekannt durch „Space Oddity“ und sonst nichts, sitzt in einem lachsroten Gewand mit Blumenmuster da, umgeben von den Samtpolstern, berockt und mit übereinandergeschlagenen Beinen. Er nestelt geistesabwesend am Stiel eines Glases, während er über die regenbogenfarbene Welle aus sich schüttelnden Leibern blickt. Auf dem Tisch vor ihm seufzt ein Teller mit eingefallenem Salat und gelbsüchtigem Schinken, den ein vorbeihuschender Kellner mit Latzhose von Mr Freedom vor zehn Minuten abgestellt hat. David, der von Mr Fish eingekleidet ist, rührt ihn nicht an. Identische Teller welken in den Nachbarsitzecken: Aufmerksamkeiten der Clubleitung, in deren Eintrittspreis ein „Abendsnack“ enthalten ist, um den Gesetzen über den Spätausschank Genüge zu tun. Der Salat ist völlig oberflächlich. Die Kundschaft auch. Vor einem Jahr kamen, sahen und sprachen die Männer von der Zeitschrift, die einmalJeremyhieß, ein vernichtendes Urteil. „Hier ist das Allerletzte cool. Die Mode. Die Haltung. Der Haufen trendiger Püppchen, bei dem man den Eindruck gewinnt, falls jemand unter den Jungs oder Mädchen Sex hat, dann vor ihrem Zimmerspiegel – mit sich selbst.“ Der Haufen trendiger Püppchen fasst es mit einem Ausdruck zusammen: „super-elegant“. Es ist der einzige Style, der etwas gilt im Sombrero.
Da hier nichts ist, was es zu sein scheint, ist „das Sombrero“ eigentlich nicht das Sombrero. Eigentlich heißt der Club Yours Or Mine?, wie die silbernen Streichholzbriefchen zeigen. Das eigentliche Sombrero – El Sombrero – ist das mexikanische Restaurant oberhalb in der Kensington High Street an der Ecke Campden Hill Road.„Is’ guuut!“, versichert die Werbeanzeige.„Is’ seeehr gut!“Man kann das El Sombrero nicht verfehlen wegen des Neon-Sombreros, der draußen neben dem Erdgeschosseingang zum Club im Keller angebracht ist und abends eingeschaltet wird. Beide Lokale gehören demselben kleinen Schweizer Harry, der das Sombrero in den Fünfzigern als Café eröffnete und den Namen wählte, weil er gerne in Spanien Urlaub machte. Nachdem es in den Sechzigern abgebrannt war, baute er es wieder auf und vergrößerte das Untergeschoss zu einem Nachtclub, dem ersten in London mit beleucht