Erstes Kapitel.
Florencens Flucht.
In dem Irrsinn seines Schmerzes, seiner Scham und seines Schreckens eilte das arme Mädchen durch den Sonnenschein eines herrlichen Morgens, als wäre er das tiefe Dunkel einer Mitternacht. Unter bitterem Weinen die Hände ringend, gegen alles unempfindlich, nur nicht gegen die tiefe Wunde in ihrer Brust, betäubt durch den Verlust aller ihrer Lieben und die einzige von dem Wrack eines großen Schiffes an eine verlassene Küste geworfene Überlebende, floh sie ohne Gedanken, ohne Hoffnung und ohne irgendeinen anderen Zweck, als eben zu fliehen, gleichviel, wohin es war.
Die lange, vom Morgenlicht vergoldete Straße, der Anblick des blauen Himmels und duftiger Wolken, die belebende Frische des Tages, so rosig nach dem Kampf mit der Nacht – all das weckte kein entsprechendes Gefühl in ihrer so tief verletzten Brust. Nur einen Platz, gleichviel, welcher es sein mochte, um ihr Haupt zu verbergen – irgendein Zufluchtsort, fern genug von der Stelle, der sie entronnen, um nie wieder ihren Blick auf sie werfen zu müssen!
Aber es gingen Leute hin und her; die Läden wurden geöffnet, und unter den Haustüren zeigten sich die Dienstboten. Das ruhige Getümmel des Tages hatte seinen Anfang genommen. Florence sah Überraschung und Neugierde in den an ihr vorbeieilenden Gesichtern, bemerkte zurückkehrende lange Schatten auf dem Pflaster und hörte fremde Stimmen fragen, wohin sie wolle und was es gebe. Obgleich dies anfangs sie nur um so mehr einschüchterte und ihre Hast beschleunigte, kam es ihr doch so weit zustatten, daß es sie einigermaßen zur Besinnung rief und sie an die Notwendigkeit einer größeren Fassung erinnerte.
Wohin gehen? Noch immer gleichgültig gegen den Ort – noch immer weiter; aber wohin? Sie gedachte jener einzigen anderen Zeit, in der sie sich unter der weiten Häuserwildnis verirrt hatte – allerdings damals nicht so verlassen wie jetzt – und schlug die gleiche Richtung ein. Nach der Heimat von Walters Onkel.
Sie unterdrückte ihr Schluchzen, trocknete ihre geschwollenen Augen und versuchte, ihr aufgeregtes Wesen zu beruhigen, damit sie nicht allzusehr die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sich ziehe. So lang es möglich war, die unbesuchteren Straßen einzuhalten, ging sie gelassener weiter, als mit einem Male ein bekannter kleiner Schatten auf dem sonnigen Pflaster vorbeischoß, haltmachte, wieder umwandte, dicht zu ihr herankam, wieder forteilte und um sie her hüpfte. Es war der ihres treuen Hundes, der sich jetzt, nach Luft schnappend, aber doch die Straße mit seinem frohen Bellen erfüllend, an ihre Kleider schmiegte.
»O, Di! o lieber, guter, treuer Di, wie bist du hierher gekommen? Daß ich auch dich zurücklassen konnte, Di, der du mich nie verlassen hast!«
Florence beugte sich gegen das Pflaster nieder und drückte seinen rauhen, närrischen alten Kopf an ihre Brust, worauf sie wieder miteinander weitergingen. Di, der mehr in der Luft als auf dem Boden war, bemühte sich, seine Gebieterin im Fluge zu küssen, überpurzelte sich oft und richtete sich mit der größten Gleichgültigkeit wieder auf, fuhr auf die großen Hunde mit dem possierlichen Trotz seiner Spielart los, erschreckte mit dem Anprall seiner Nase die Hausmägde, die die Türtreppen fegten, und machte inmitten von tausend Ungereimtheiten alle Augenblicke halt, um nach Florence zurückzusehen und zu bellen, bis alle Hunde in Hörweite Antwort gaben und alle, die herauskommen konnten, sich auf der Straße zeigten, um ihn anzuschauen.
Von diesem letzten Anhänger geleitet, eilte Florence in dem vorrückenden Morgen und in dem wachsenden Sonnenschein weiter nach der City. Die lärmenden Töne des Tages wurden lauter, die Vorübergehenden zahlreicher und die Läden rühriger, bis sie sich in einen Strom von Leben hineingerissen sah, der die nämliche Richtung einschlug und gleichgültig an Marktplätzen, Herrenhäusern, Gefängnissen, Kirchen, Reichtum, Armut, Gut und Bös vorbeiflutete, wie der nahe breite Strom, der, erwacht aus seinen Träumen von Binsen, Weiden und grünem Moos, trüb und unruhig unter dem Arbeiten und Sorgen der Menschen seine Wellen nach dem tiefen Meere hinwälzte.
Endlich tauchte die Gegend, in der der kleine Midshipman stand, vor ihren Blicken auf. Noch näher, und der kleine Midshipman zeigte sich auf seinem Posten, so angelegentlich wie nur je seinen Beobachtungen nachhängend. Noch näher, und die Tür stand offen, um sie zum Eintritt einzuladen. Florence, die am Ende ihrer Wanderung ihre Schritte beschleunigt hatte, eilte, von Diogenes begleitet, der in dem Lärm etwas verwirrt worden