Kapitel 4 – Spuren
Sechzig Tage nach seiner Flucht entdeckte er die nächste Stadt, die größer war als die erste. Die Berge lagen hinter ihm; die Landschaft hatte sich deutlich verändert. Sanfte Hügel, zwischen denen sich ein Fluss hindurchschlängelte, formten nun das Bild, und ein kleiner See schillerte friedlich in der Sonne. Der Sommer war heiß, und es regnete selten, doch zumindest in Ufernähe war nichts verdorrt. Sowohl der Fluss als auch der See schienen die nähere Umgebung mit ausreichend Wasser zu versorgen.
Kjartan achtete auf die kleinsten Spuren menschlichen Lebens, während er durch die mit Pflanzen überwucherten Straßen schritt. Es duftete nach Blüten, und unzählige Insekten schwirrten um ihn herum. Allerdings wurde es immer staubiger und das Gras brauner, je tiefer er in die Stadt vordrang.
Die meisten Häuser waren eingestürzt; doch hier und da stand tatsächlich noch ein komplettes Gebäude. Er vermied es jedoch, eines zu betreten, denn sie wirkten baufällig.
Drei Wildkatzen – eine große und zwei kleine – kreuzten seinen Weg und fauchten ihn an. Als er zurück fauchte, zog die Katzenfamilie rasch weiter. Vielleicht lag es an seinen Genen, dass sie ihn nicht leiden konnten, weil er ein Produkt wider die Natur war. Oder er hatte ihr Revier gestreift. Er wusste es nicht, sondern murmelte missmutig: »Ja, lauft nur schnell weg, bevor ich euch das Fell über die Ohren ziehe. Mieze fehlt mir noch auf meinem Speiseplan!«
Er hatte überwiegend Hasen, Fische und größere Vögel gejagt, sich aber auch von Beeren ernährt. Er wünschte bloß, er würde sich besser auskennen, welche Pflanzen genießbar waren und welche nicht. Auch ein paar Gewürze wären nicht schlecht. Dann könnte er sein Menü vergrößern und das Fleisch würde weniger eintönig schmecken.
Über die Tierwelt würde er ebenfalls gerne mehr erfahren. Er stieß immer wieder auf Lebewesen, die er niemals zuvor gesehen hatte, auch nicht in den wenigen Filmen, die sich in der Mediathek der Bergfestung befunden hatten. Im geschützten Tal hatte es schließlich nur ein paar Nutztiere gegeben, und denen hatte er nie viel Aufmerksamkeit geschenkt. Hauptsache, sie hatten seinen Bauch gefüllt.
Auf seinem Weg hierher war er einem weiteren Wolfsrudel begegnet – das ihn neugierig beäugt, aber in Ruhe gelassen hatte – und einmal wäre er fast mit einem Bären zusammengestoßen. Kjartan hatte sich nicht mit ihm angelegt, sondern einen großen Bogen um das mächtige Tier gemacht. Vermutlich wäre ein Kampf sehr unschön für ihn ausgegangen. Doch solange er sich zurückhaltend zeigte, hatte er nichts zu befürchten. Er wollte den Tieren auch kein Leid zufügen und jagte nur, wenn er Hunger hatte.
Spuren von Wölfen entdeckte er hier nicht. Auch schienen auf den ersten Blick keine Menschen in den Ruinen zu leben. Doch Kjartan fiel ein relativ frisch aufgehäufter Schuttberg auf. Das war nicht das Werk eines Tieres.
Er erhöhte seine Alarmbereitschaft, zog eines seiner Messer aus der Lederscheide an seinem Gürtel – auch daran hatte Dex gedacht! – und versteckte sein Gepäck im Kofferraum eines Autogerippes. Da er sämtlichen Proviant längst verbraucht hatte, trug er nur noch eine Tasche bei sich. Im Grunde brauchte er auch nicht viel. Hauptsache, er hatte Waffen, etwas Kleidung und konnte Feuer machen.
Ein Trampelpfad führte ihn direkt zu einem riesigen, rechteckigen Gebäude, das einen stabilen Eindruck vermittelte. Die großen Fenster waren intakt, aber so voller Schmutz, dass er nicht hineinsehen konnte. Kjartan erkannte anhand der verrosteten Einkaufswägen, dass das früher ein Supermarkt oder etwas in der Art gewesen sein musste.
Er folgte dem Pfad zur Seite des Gebäudes zu einer korrodierten Eisentür, die nur noch an einer Angel hing. Ohne sie zu berühren, schlüpfte er hinein und staunte nicht schlecht, weil er anstatt Chaos vorzufinden, auf ordentlich sortierte Regale und einen gefegten Fußboden stieß. Jemand hatte aufgeräumt!
Natürlich wusste er nicht, wie die Dinge früher in einem Kaufhaus geordnet gewesen waren, aber auf diese Weise bestimmt nicht. Hier hatten einer oder mehrere Leute alles an einem Ort zusammengesucht, was noch erhalten geblieben war und genießbar sein könnte: diverse Konservendosen, Päckchen mit Salz und anderen Gewürzen – vermutete er, denn oft waren nur kyrillische Zeichen aufgedruckt –, Milchpulver, Sirup, Honig, Essig, Instantkaffee, Kekse, Reis, hochprozentigen Alkohol … Manche Verpackungen waren allerdings stark vergilbt oder verstaubt, sodass er die Aufschriften kaum entziffern konnte.
Dennoch staunte er nicht schlecht und wünschte, er hätte Geschäfte wie dieses vor dem Großen Krieg gekannt. Die Menschen mussten sich vor hundert Jahren wie im Schlaraffenland gefühlt haben, wenn sie zum Einkaufen gegangen waren. Es sollte von einem Nahrungsmittel nicht nur eine Sorte, sondern unzählige gegeben haben. Ganze Kühlregale voller Pizzen und Fertiggerichte, meterlange Reihen mit Hunderten Joghurtzubereitungen in allen möglichen Geschmacksrichtungen, Brote in unterschiedlichen Variationen, Gewürze von vielen verschiedenen Herstellern … Vermutlich h