: Honoré de Balzac
: Glanz und Elend der Kurtisanen. Gesamtausgabe Roman
: apebook Verlag
: 9783961305148
: 1
: CHF 5.30
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: Erzählende Literatur
: German
'Glanz und Elend der Kurtisanen' ist ein Roman von Honoré de Balzac, der zwischen 1838 und 1847 erschien. Er besteht aus vier Teilen und stellt die Abseite der Gesellschaft dar, indem er die Welt des Verbrechens und der Prostitution erkundet. Die erste Hälfte des Romans wird von der satanischen Figur des entflohenen Sträflings Vautrin (der sich Don Carlos Herrera nennt) beherrscht, der in seiner letzten Inkarnation eine Form der sozialen Erlösung erfährt; die zweite rückz vor allem die junge Prostituierte Esther in den Mittelpunkt, die durch ihre Liebe zu Lucien Chardon de Rubempré erlöst wird, dem willenlosen Dichter, dessen Ehrgeiz und Eitelkeit die tragischen Triebfedern des Romans sind. Lucien de Rubempré und Vautrin (als selbsternannter Abt Don Carlos Herrera) haben einen Pakt geschlossen, wonach Lucien in Paris Erfolg haben wird, wenn er sich bereit erklärt, Vautrins Anweisungen blindlings zu folgen. Die Kurtisane Esther van Gobseck macht Vautrin jedoch einen Strich durch die Rechnung, denn Lucien verliebt sich in sie und sie sich in ihn... Anstatt Lucien zu zwingen, sie zu verlassen, erlaubt Vautrin Lucien diese heimliche Affäre, nutzt sie aber auch aus. Vier Jahre lang bleibt Esther in einem Haus in Paris eingesperrt und geht nur nachts spazieren. Eines Nachts wird sie jedoch von dem steinreichen Bankier Baron de Nucingen entdeckt, der sich in sie verliebt. Als Vautrin merkt, dass Nucingen von Esther besessen ist, beschließt er, ihre Macht zu nutzen, um Lucien voranzubringen, indem er dem Baron so viel Geld wie möglich entlockt. Die Dinge laufen jedoch nicht so glatt, wie Vautrin es sich gewünscht hätte... Dies ist die Gesamtausgabe von allen vier Bänden.

WAS ALTE HERREN SICH DIE LIEBE KOSTEN LASSEN


 

Seit acht Tagen feilschte Nucingen fast täglich in dem Laden der Rue Neuve Saint-Marc um die Auslieferung derer, die er liebte. Dort thronte Asien bald unter dem Namen Saint-Estève, bald unter dem ihres Geschöpfes, der Frau Nourrisson, unter dem schönsten Putz, der jenen grauenhaften Zustand erreicht hatte, in dem Kleider keine Kleider mehr, aber auch noch keine Lumpen sind. Der Rahmen stand im Einklang mit der Figur, die diese Frau sich zulegte, denn solche Läden sind eine der unheimlichsten Eigentümlichkeiten von Paris. Man sieht dort den Nachlaß, den der Tod mit seiner entfleischten Hand dorthin geworfen hat, und man hört das Röcheln einer Schwindsucht unter dem Schal, wie man die Todesqual des Elends unter einem goldbeflitterten Kleide errät. Dort stehen die furchtbaren Debatten zwischen dem Luxus und dem Hunger auf leichten Spitzen geschrieben. Man sieht die Züge einer Königin unter einem federgeschmückten Turban, dessen Stellung an das fehlende Gesicht erinnert und es fast ergänzt. Hier steht das Scheußliche im Hübschen. Die Geißel Juvenals in den Amtshänden des Taxators streut enthaarte Muffs, verdorbene Pelze bedrängter Dirnen aus. Es ist ein verwesender Hauf Blumen, in dem hier und dort gestern geschnittene Rosen glänzen, die einen Tag getragen wurden, und auf dem stets eine Alte hockt, die leibliche Schwester des Wuchers, die kahle, zahnlose Gelegenheit, bereit, auch den Inhalt zu verkaufen, weil sie so sehr daran gewöhnt ist, die Hülle zu kaufen: das Kleid ohne die Frau oder die Frau ohne das Kleid! Asien schaltete dort wie der Stockmeister im Bagno, wie ein Geier mit gerötetem Schnabel über Leichen, mitten in ihrem Element, furchtbarer noch als diese wilden Greuel, vor denen die Vorübergehenden erbeben, wenn sie zuweilen mit Erstaunen eine ihrer jüngsten, frischesten Erinnerungen in einem schmutzigen Schaufenster erkennen, hinter dem eine echte Saint-Estève Grimassen schneidet.

Von Aufregung zu Aufregung, von zehntausend zu zehntausend Franken war schließlich der Bankier so weit gekommen, daß er Frau von Saint-Estève sechzigtausend Franken bot; sie aber erwiderte mit einer Grimasse des Neins, die einen Makako zur Verzweiflung getrieben hätte. Nachdem er erkannt hatte, wie Esther ihm die Gedanken verwirrte, nachdem er unerwartete Verdienste an der Börse hatte einstreichen können, kam er eines Morgens nach einer aufgeregten Nacht endlich in der Absicht, die hunderttausend Franken, die Asien verlangte, herzugeben; aber er wollte ihr eine Fülle von Auskünften entlocken.

»Du entschließt dich also, dicker Possenreißer?« sagte Asien, indem sie ihm auf die Schulter klopfte.

Die entehrendste Vertraulichkeit ist der erste Zoll, den solche Frauen von wahnsinnigen Leidenschaften oder von dem Elend, das sich ihnen anvertraut, fordern; sie erheben sich nie zur Höhe des Klienten, sie nötigen ihn, sich Seite an Seite neben sie auf den Kothaufen zu setzen. Asien gehorchte ihrem Herrn ausgezeichnet, wie man sieht.

»Ich muß fohl,« sagte Nucingen. »Und du wirst nicht bestohlen,« erwiderte Asien. »Man hat Frauen schon verhältnismäßig teurer verkauft, als du die da bezahlen sollst! Von Marsay hat für die verstorbene Coralie sechzigtausend Franken gegeben. Die, die du willst, hat aus erster Hand hunderttausend gekostet; aber für dich, siehst du, alter Wüstling, ist es eine Anstandssache.« »Und wo ist sie?« »Ah! Du wirst sie sehen. Ich bin, wie du bist: bar, bar! … Ach ja, mein Lieber, ›deine Leidenschaft‹ hat Dummheiten gemacht. Junge Mädchen … das ist unvernünftig. Die Prinzessin ist augenblicklich eine Nachtschöne …« »Aine Nacht …« »Was! Willst du den Gimpel spielen? … Sie hat Louchard auf den Fersen; ich habe ihr selbst fünfzigtausend Franken geliehen …« »Finfundßwanßig! Sag?« rief der Bankier. »Bei Gott! Fünfundzwanzig für fünfzig, das versteht sich von selbst,« erwiderte Asien. »Diese Frau, man muß gerecht sein, ist die Ehrlichkeit selbst! S