: Charles Dickens
: Die Pickwickier. Band Zwei Roman in drei Bänden
: apebook Verlag
: 9783961305117
: 1
: CHF 2.70
:
: Erzählende Literatur
: German
Samuel Pickwick, Esquire, ist ein freundlicher und wohlhabender alter Herr, der den Pickwick Club gegründet hat und dessen Präsident er ist. Er schlägt vor, dass er und drei andere 'Pickwickier', Mr Nathaniel Winkle, Mr Augustus Snodgrass, und Mr Tracy Tupman, Reisen an Orte unternehmen, die weit von London entfernt sind, und den anderen Mitgliedern des Clubs über ihre Erkenntnisse berichten. Ihre Reisen mit der Kutsche durch die englische Landschaft und ihre Erlebnisse während dieser Tour sind das Hauptthema des Romans. Die Pickwickier - Ein Sportler, der keinen Sport betreibt; ein Dichter, der nicht schreibt; ein Liebhaber, der niemanden liebt; alle drei sind ihrem fröhlichen und wohlwollenden Anführer, Mr. Pickwick, treu ergeben. Begleiten Sie ihn und seine Freunde Winkle, Snodgrass und Tupman auf ihrer Reise durch das Land auf der Suche nach Abenteuern, Wissen und Geschichten. Auf ihrem Weg passieren ihnen einige Missgeschicke, und sie treffen auf viele interessante Charaktere, sowohl auf gute als auch auf weniger gute... Ihre Abenteuer werfen Schlaglichter auf die Heuchelei und den Geiz im Leben der einfachen Leute, die von den zweifelhaften Handlungen von Anwälten, Politikern und lokalen Würdenträgern bedrängt werden. Ein Leben, in dem die Ehe nicht immer mit Liebe einhergeht, in dem die Opfer und nicht die Schuldigen eingesperrt werden und in dem die Armen mit kaum verhohlener Verachtung behandelt werden. Auch die Pickwickier selbst geraten zuweilen in unangenehme Situationen. So zum Beispiel führt ein romantisches Missverständnis mit Mr Pickwicks Vermieterin, der Witwe Mrs. Bardell, zu einem der berühmtesten Rechtsfälle der englischen Literatur, Bardell gegen Pickwick... Dies ist der zweite von insgesamt drei Bänden.

KAPITEL 1


Ein Vorfall von einschneidender Wirkung auf Mr. Pickwicks Leben und Geschichte.


Mr. Pickwicks Wohnung in Goß Wallstreet war zwar nicht groß, aber einem Mann von seinem Genie und seiner Beobachtungsgabe vorzüglich angepaßt. Sein Arbeitszimmer befand sich im ersten Stock, sein Schlafzimmer im zweiten, und beide lagen vornheraus, so daß Mr. Pickwick sowohl von seinem Schreibtisch im Wohnzimmer wie von seinem Ankleidespiegel im Schlafgemach aus stets Gelegenheit hatte, die menschliche Natur in allen ihren unzähligen Phasen an einem Platze zu beobachten, der ihm fortwährend ein buntes Volksleben vor Augen führte. Seine Hauswirtin, Mrs. Bardell, die trostlose Hinterbliebene eines Zollbeamten, war eine stattliche Frau von lebhaftem Temperament, angenehmem Äußern und wohlausgebildetem Kochgenie. In ihrem Hause gab es weder Kinder noch Dienstboten, noch Federvieh. Seine einzigen Insassen waren, außer Mr. Pickwick, ein großer Mann und ein kleiner Knabe, der erstere ein Mietsmann, der zweite ein Sprößling Mrs. Bardells. Der große Mann kam immer abends Punkt zehn Uhr nach Hause, um sich in eine zwerghafte französische Bettstelle in dem hintern Zimmer zu zwängen, wogegen die kindlichen Spiele und gymnastischen Übungen des jungen Mr. Bardell sich ausschließlich auf die Plätze vor den Türen der Nachbarn und die Gossen vor dem Hause beschränkten. Reinlichkeit und Ruhe herrschten in dem Hause, in dem Mr. Pickwicks Wille als oberstes Gesetz galt. Jedermann, der den geschilderten häuslichen Zustand und die bewunderungswürdige Selbstbeherrschung Mr. Pickwicks kannte, würde das Benehmen des Gelehrten an dem Morgen des Vortages der Reise nach Eatanswill höchst mysteriös und unergründlich vorgekommen sein. Er ging mit raschen Schritten in seinem Zimmer auf und ab, schaute alle drei Minuten einmal unruhig zum Fenster hinaus, sah fortwährend auf die Uhr und ließ noch viele andere bei ihm selten vorkommende Zeichen von Ungeduld wahrnehmen. Offenbar lag ihm etwas sehr Wichtiges im Sinn; doch was das sein konnte, vermochte selbst Mrs. Bardell nicht zu ergründen.

»Mrs. Bardell!« hob Mr. Pickwick endlich an, als das langwierige Staubabwischen der Haushälterin sich seinem Ende zuneigte.

»Sir?«

»Ihr kleiner Knabe bleibt aber lange aus, Mrs. Bardell!«

»Nun, es ist auch ein ziemlich weiter Weg nach dem Borough, Sir«, entgegnete Mrs. Bardell.

»Da haben Sie freilich recht«, versetzte Mr. Pickwick und versank abermals in Stillschweigen, während Mrs. Bardell mit dem Staubabwischen fortfuhr.

»Mrs. Bardell!« begann Mr. Pickwick nach einigen Minuten von neuem.

»Sir?« sagte Mrs. Bardell wie zuvor.

»Glauben Sie, daß es bedeutend teurer käme, zwei Personen zu erhalten als eine einzige?«

»Ach Gott, Mr. Pickwick«, rief Mrs. Bardell aus, bis an den Rand ihrer Haube errötend, da sie in den Augen ihres Mieters ein heiratslustiges Blinzeln zu bemerken glaubte. »Ach Gott, Mr. Pickwick, was ist das für eine Frage?«

»Glauben Sie es wirklich?« forschte Mr. Pickwick weiter.

»Ach Mr. Pickwick«, erwiderte Mrs. Bardell und kam mit ihrem Staubtuch bis dicht an die Ellenbogen des Gelehrten. »Das kommt ganz darauf an, ob es eine haushälterische und verständige Person ist, Sir.«

»Sehr wahr«, versetzte Mr. Pickwick, »aber ich denke, daß die Person, die ich im Auge habe«, bei diesen Worten fixierte er Mrs. Bardell sehr scharf, »diese Eigenschaften und noch überdies eine beträchtliche Weltkenntnis und Klugheit besitzt, was mir alles wesentlich von Nutzen sein dürfte.«

»Ach Gott, Mr. Pickwick!« rief Mrs. Bardell aus und errötete abermals bis an den Rand ihrer Haube.

»Ich bin wirklich davon überzeugt«, sagte Mr. Pickwick, lebhaft werdend, wie es gewöhnlich bei ihm der Fall war, wenn er von einem ihn interessierenden Gegenstande sprach. »Ich bin wirklich fest davon überzeugt, und, um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Mrs. Bardell