Wild wirbelte der Schnee in dicken Flocken durch die Straßen, als sich die Pforten zum Macy’s, New Yorks größtem und ältestem Kaufhaus, öffneten. Über dem Eingang prangte ein überdimensionaler Weihnachtskranz aus Tannenzweigen mit einer tiefroten Schleife, während unzählige Lämpchen die Fassade des alterwürdigen Gebäudes am Herald Square zum Leuchten brachten.
Endlich war es wieder so weit: Die Weihnachtssaison war eröffnet. Manhattan zeigte sich von seiner märchenhaftesten Seite und lockte so Tausende von Touristen und Romantikern in die Stadt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich auch an diesem Freitagmorgen die festlich dekorierten Gänge und Abteilungen des Warenhauses mit Kundschaft füllten. Heimlicher Star war jedoch, wie in jedem Jahr, der hauseigene Weihnachtsmann, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem „echten“ Santa hatte und seit nunmehr 150 Jahren Tradition war.
Cathlyn Jones warf einen letzten Blick in den Spiegel und trat aus dem Aufenthaltsraum hinaus in den Laden. In wenigen Minuten würde sich dieser Bereich der Damenabteilung mit den Frauen der Upperclass füllen, die fest entschlossen waren, die Kreditkarten ihrer Ehemänner zum Glühen zu bringen.
Cathlyn überprüfte ein weiteres Mal die Auslagen: bunte Cashmere-Pullis, metallicfarbene Daunenjacken, Mäntel mit Nerzbesatz, gefütterte Lammfellboots und, der Renner in dieser Saison, Skibekleidung, mit der frau auch in der Stadt eine tolle Figur machte. Sie konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als ihr Blick auf eine neongrüne Hose fiel. Na ja, über Geschmack ließ sich bekanntlich streiten …
Automatisch griff sie nach dem Preisschild – und machte große Augen. Wie zu erwarten, lag der Wert weit über ihrem Monatsgehalt – obwohl die Preise sie nach fünf Jahren als Verkäuferin eigentlich nicht mehr überraschen sollten. Doch bei diesem Stück rechtfertigte nicht einmal das Material die dreitausend Dollar. Die neongrüne Skihose hätte ebenso gut von der Stange sein können.
Erst vor Kurzem hatte Cathlyn ein ähnliches Modell bei Target gesehen, als sie mit ihrer Grandma unterwegs gewesen war. Hin und wieder wurde sie in dem riesigen Supermarkt in Queens sogar selbst fündig, aber „solche Art von Kleidung“ war hier nicht erwünscht, wie ihr Vorgesetzter bereits damals beim Vorstellungsgespräch nach einem Blick auf ihr Outfit klargestellt hatte.
Umso überraschter war Cathlyn gewesen, dass sich die Verkäuferinnen der High-End-Produkte nach Lust und Laune im Lager bedienen konnten. Eigens zu diesem Zweck schickten die Designer zusätzliche Outfits, damit die Angestellten gleichzeitig als lebendige Mannequins fungieren konnten. Cathlyn liebte es, sich zumindest für den Job herauszuputzen – obwohl, verkleiden kam der Sache wohl näher, in ihrer Freizeit liebte sie es schließlich bequem.
„Cathlyn, guten Morgen, meine Liebe!“
Aus ihren Gedanken gerissen, drehte sich Cathlyn überrascht nach der ihr bekannten Stimme um und entdeckte Dana Carter, eine ihrer Stammkundinnen, mit glühenden Wangen auf sie zusteuern. Heute steckte die Brünette in einem grauen Wollmantel und kuscheligen Stiefeln, die ihren klassischen Stil perfekt unterstrichen.
„Guten Morgen, Mrs Carter. Wie geht’s Ihnen?“ Cathlyn schenkte der eleganten Dame ein breites Lächeln und lief ihr eilig entgegen. Von all ihren Kundinnen mochte sie Dana am liebsten. Sie war bodenständig, nett und hatte ein großes Herz.
„Mir geht es prima, Cathlyn“, erwiderte Dana gut gelaunt, ehe sie sich erstaunt umsah. „Bin ich etwa die Erste? Das würde bedeuten, ich habe noch freie Auswahl, bevor die Aasgeier kommen!“
„Ganz genau und zufälligerweise haben wir heute auch ein neues Ensemble von Ihrem Lieblingsdesigner bekommen“, informierte Cathlyn Dana in verschwörerischem Tonfall.
„Wirklich? Ach, das ist ja wunderbar!“, jauchzte Mrs Carter und legte sich die Hand auf die Brust. „Das trifft sich ausgezeichnet, schließlich findet in drei Wochen mein alljährlicher Winte