1. Ferien
Du gehst durch den Sand, die Wellen rollen langsam, aber gleichmäßig auf den Strand, es ist fast dunkel, doch die schaumige, sich brechende Wasserkrone ist gut auszumachen. Jetzt drehst du dich zu mir, für einen Moment, als wolltest du sagen: Komm doch zu mir, worauf wartest du? Und schon stehe ich auf, wate durch den feuchten Sand zu dir, deine große, schlanke Gestalt im Blick. Du lachst und wirfst dich gegen mich, so dass ich dich mit beiden Armen umfasse und halte, gemeinsam stehen wir an gegen die Kräfte des Meeres, die uns in seine Finsternis ziehen würden, ließen wir es nur zu.
Lass uns ein wenig gehen, sagst du, und gern stimme ich dir zu.
Du rufst die Hündin, die mir nachgelaufen ist, und zu dritt schlendern wir den abendlich leeren Strand entlang.
Später, im Zimmer unserer kleinen Ferienwohnung, betrachte ich deine feuchte Badekleidung, die du hastig über die Stuhllehne geworfen hast, bevor du ins Bad geschlüpft bist. Jessy liegt unter dem Bett, was auch daheim ihr liebster Rückzugsort ist. Ich setze mich an den Tisch und öffne den Wein, den wir heute Morgen im Dorf besorgt haben. Ein Chianti, den magst du am liebsten, aber nur in veganer Version, das hast du mir schon erzählt, als wir das erste Mal zusammen ausgegangen sind. Damals, im Sommer vor fünf Jahren.
Wir werden uns heute betrinken, so wie wir uns damals betrunken haben. Da war es die Aufregung, heute sind wir entspannt, es ist die zweite Urlaubswoche, aber ich bin ein wenig ratlos. Du verhältst dich anders als sonst. Es ist kaum zu spüren, aber etwas schiebt sich zwischen uns, wie ein Nebel, der anfangs kaum merklich den Wäldern entsteigt. Mal ist es ein Naserümpfen deinerseits, mal ein ungeduldiger Blick. Auch der Ton deiner so warmen Stimme verrutscht ab und an ins Gereizte, und ich weiß nicht, was der Anlass ist.
So war es heute Morgen im Laden. Ich stand vor dem Regal mit dem Wein und versuchte zu lesen, was dort in italienischer Sprache auf den Etiketten stand. Ist der vegan oder nicht? Da kamst du von hinten, nahmst eine Flasche aus dem Regal und warfst mir gleichzeitig einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich zog die Schultern hoch, fragte, was denn los sei.
Du brauchst immer ewig, sagtest du.
Ich widersprach, doch du antwortetest nicht, gingst schnurstracks zur Kasse und bezahltest den Chianti. Als ich dich draußen nochmal darauf ansprach, nahmst du mir die Hundeleine aus der Hand und gingst weiter, ohne ein Wort