Mumien küsst man nicht
Bis gestern fand ich ausgestopfte Tiere richtig gut. Schon deswegen, weil meine große Schwester Franziska sie absolut doof findet.
Wenn Onkel Hartmuts Geburtstag auf dem Kalender steht, hat sie tagelang vorher schlechte Laune. So war das auch diesmal.
Onkel Hartmut ist der Bruder meines Vaters. Er ist Wissenschaftler und Tierpräparator. Im Auftrag internationaler Museen hat er so gut wie alles, was zwei, vier oder keine Beine besitzt, ausgestopft.
Ehrlich gesagt, manchmal würde ich mir ja auch gerne meine nervige Schwester ausstopfen und ins Zimmer stellen, aber das erlaubt das Gesetz nicht. Außerdem bin ich überzeugt, meine Mutter hätte garantiert etwas dagegen, wenn ich meine dreckigen Fußballschuhe um ihren Hals und die Stinkesocken an ihre Nase klammern würde.
Meine Schwester liebt Tiere über alles und findet sie total knuddelig. Mit ausgestopften Exemplaren ist das etwas anderes. Die sind nur superekelhaft und entsetzlich gruselig. Ihre Tierliebe geht so weit, dass sie weder Fleisch noch Wurst isst. Letzte Woche erst mäkelte sie: „Was einmal Augen hatte, kommt nicht auf meinen Teller!“
Meinen Einwand, es gebe auch augenlose Tiere, beantwortete sie wie immer mit Geschrei. Und wer bekam den Ärger? Ich! Dabei hatte ich ihr nur erklärt, nichts gehe über eine leckere Scheibe Grottenolmsalami. Und Regenwurmchips seien der absolute Renner. Na ja, und dass Quallengelee so schön am Gaumen kitzeln würde. Natürlich beschwerte sie sich wieder. Beschweren ist ein Hobby von ihr.
„Du sollst deine Schwester nicht ständig ärgern!“, schimpfte daraufhin meine Mutter. „Du benimmst dich wie ein Kindergartenkind!“
Dabei ist es Franziska, die pausenlos nervt. Bei jeder Mahlzeit versucht sie, mir den Appetit zu verderben. „Schmeckt die Toten-Wurst? Zergeht das Leichen-Steak mit der Blut-Fleischsaft-Soße auf der Zunge? Deine Lieblingsbouletten sind aus zerhäckselten Schweinchen.“
Dazu sagt meine Mutter nichts. Selbst mein Vater hält sich aus unseren Streitereien raus. Das Herumgezicke meiner Schwester kommentiert er höchstens mit dem Satz: „Junge, so ist das mit den Frauen. Fängt ganz früh an und hört nie wieder auf.“
Toll! Mir hilft das nicht. Außerdem traut sich mein Vater das nur zu sagen, wenn wir zu einem Männergespräch verurteilt wurden. Männergespräche muss er immer dann mit mir führen, wenn sich Franziska über mich beschwert hat.
Ihr könnt mir aber glauben, ich zahle ihr jede Gemeinheit zurück. Mein Motto: Rache ist Blutwurst!
Franziska ist zwei Jahre älter. Wenn man eine vierzehnjährige Schwester hat, die ernsthaft meint, ihren Bruder erziehen zu müssen, dann bedarf es Gegenmaßnahmen.
Vor ein paar Tagen kam ich endlich darauf, wie ich ihr das ständige Gemeckere heimzahlen kann. Nach der Schule hatte sie mit ihrer besten Freundin Laura telefoniert und sich mit ihr über Jungs und Küssen unterhalten. Und ich habe sie belauscht. Mich schüttelt es jetzt noch, wenn ich nur daran denke. Von dem Mikrofon unter ihrem Bett hatte mein Schwesterherz keine Ahnung.
„Hast du