Als sich die Türen desSavoir Faire öffneten, fiel ein breiter Lichtstrahl auf die mitternächtliche Straße und versetzte die herumlungernden Dienstboten unmittelbar in Bewegung. Männer mit tropfenden Fackeln in den Händen eilten herbei, um den Gentlemen, die aus dem Club traten, Licht für den Heimweg anzubieten. Einer der wartenden Lakaien stieß nun einen schrillen Pfiff aus und erhielt Antwort von einer der Kutschen, die sich auf der Straße hintereinander aufreihten. Die Laternen der Kutsche leuchteten auf, und in ihrem Licht wurde ein Pferdeknecht erkennbar, der den beiden Pferden die Futterbeutel abnahm.
Der livrierte Lakai kehrte nun zur Tür zurück, um sicherzustellen, dass die aufdringlichen Fackelträger seinen Herrn, den berühmten Marquis von Rothgar, und Lord Bryght Malloren, seinen Halbbruder, nicht belästigten. Mit ein paar frechen Bemerkungen zogen sich die jungen Burschen zurück, um ihr unterbrochenes Würfelspiel irgendwo in der Dunkelheit fortzusetzen.
Der Marquis und sein Bruder trugen funkelnde Edelsteine, und an Hals und Handgelenken blitzte kostbare Spitze auf, doch sie waren nicht auf eine Leibwache angewiesen. Die kleinen Degen, die beide trugen, hatten zwar vergoldete Scheiden und kostbare Zierleisten, doch das ließ sie nicht minder gefährlich aussehen - schon gar nicht in den Händen dieser Männer.
Während sie darauf warteten, dass ihre Kutsche vorfuhr, plauderten sie ein wenig miteinander. Da öffneten sich die Türen des beliebten Clubs erneut, und eine Gruppe von Personen kam lachend heraus, wobei einer der Männer völlig falsch vor sich hin grölte.
Auf einmal sang er ein ganz anderes Lied:
Denn Keuschheit ist 'ne feine Sache,
Doch kleiden kann sie leider nicht.
Die Lady spricht zu viel von Takt,
Ihr Gentleman war schließlich nackt!
Die beiden Brüder drehten sich blitzschnell um, zischend fuhren ihre Degen aus den Scheiden.
„Ich denke“, sagte der Marquis in sanftem Tonfall zu dem Sänger, „dieses Lied ist schon vor ungefähr zwei Jahren aus der Mode gekommen. Ihr werdet Euch natürlich für die Geschmacklosigkeit entschuldigen, nicht wahr, Sir?“
Das Lied gehörte zu den Zoten, die sich in der Stadt verbreitet hatten, als Lady Chastity Ware mit einem nackten Mann im Bett erwischt worden war. Die junge Dame hatte ihre Unschuld beteuert, aber nur der Einfluss der Mallorens hatte es möglich gemacht, dies auch zu beweisen und den guten Ruf der jungen Adeligen in der Gesellschaft wiederherzustellen. Chastity war jetzt die Frau des jüngsten Halbbruders des Marquis, Lord Cynric, der nun Lord Raymore hieß.
Der Sänger, ein blonder, vermutlich betrunkener Mann, grinste höhnisch beim Anblick der Männer mit ihren schmucken Degen. „Eher will ich verflucht sein. Es wird einem Mann doch wohl erlaubt sein, ein Lied zu singen.“
„Nicht dieses!“, fuhr Lord Bryght ihn an und richtete seine Degenspitze auf den Hals des Mannes. Der Sänger zuckte nicht mit der Wimper, doch seine Begleiter wichen erschrocken zurück.
Der Marquis schob die Klinge seines Bruders mit der Spitze seines eigenen Degens beiseite. „Wir werden hier auf der Straße keine Raufereien und kein Gemetzel veranstalten, Bryght.“ Er musterte den unverschämten Sänger. „Euer Name, Sir?“
Die meisten Männer in London hätten bei dem eisigen Tonfall des Mannes, den viele den ‚Finsteren Marquis‘ nannten, vor Angst gezittert, aber dieser hier grinste einfach weiter. „Curry, Mylord. Sir Andrew Curry.“
„Dann, Sir Andrew, werdet Ihr Euch dafür entschuldigen, dass Ihr so falsch gesungen habt.“
Die Nasenflügel des Sängers bebten leicht, aber das Grinsen verschwand nicht aus seinem Gesicht. „Versucht Ihr immer noch, Parfüm über den Misthaufen zu kippen, mein lieber Herr Marquis? Mit Reichtum und Macht kann man nicht alles erreichen, und Gestank vergeht nicht.“
„Schon gar nicht bei einer Leiche“, bemerkte der Marquis. „Ich fürchte, wir müssen uns verabreden. Euer Sekundant?“
Anstatt beunruhigt zu sein, lächelte Curry. „Giller?“
Einer seiner Anhänger, der viel zu vornehm angezogen war und ein Mopsgesicht hatte, schien zu schlucken, sagte aber: „Natürlich, Curry. Stets zu Diensten.“
„Mich wird Lord Bryght vertreten“, sagte der Marquis, „aber die Details können wir sicher noch klären. W