: Patrick Enst
: Publizitätspflichten für schuldenbasierte Übernahmen
: RWS Verlag
: 9783814556079
: 1
: CHF 67.50
:
: Handels-, Wirtschaftsrecht
: German
: 386
: DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Schu denbasierte Übernahmen – auch Loan-to-Own-Transaktionen genannt – haben sich im europäischen Raum zunehmend als Handlungsoption in der finanziellen Krise eines Unternehmens etabliert. Investoren erwerben hierbei Forderungen gegen das Krisenunternehmen und tauschen diese mittels Debt to Equity Swap in Eigenkapital an der Gesellschaft um. Die Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Restrukturierungs- und Kapitalmarktrecht. Sie untersucht zunächst, inwiefern Investoren die neuen Instrumente des StaRUG zur Durchführung von Loan-to-Own-Transaktionen nutzen können. Ferner werden die geltenden Veröffentli-chungspflichten, vor allem des Kapitalmarktrechts, analysiert. Inwiefern ein Eingreifen des Ge-setzgebers notwendig ist, beantwortet das Werk differenziert und mit besonderem Augenmerk auf den Schutzzwecken der deutschen und europäischen Transparenzvorschriften. Zuletzt stellt die Arbeit Überlegungen zu wichtigen Eckpunkten einer etwaigen Reform an.
Kapitel 1:
Distressed Debt Investing – der Markt, die Akteure, die Strategien
„Krise kann ein produktiver Zustand sein. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen“ – Max Frisch
12  Die Krise – gemeint ist die finanzielle oder unternehmerische Krise einer Gesellschaft – ist ein Stadium, in dem viele Investoren ihre Anlageentscheidung überdenken und sich eher aus einem Investment zurückziehen. Für andere Akteure allerdings ist die Krisensituation gerade das Terrain, auf dem sie ihre Tätigkeit als Anleger beginnen. Distressed Debt Investoren sind spezialisiert auf den Aufkauf von Verbindlichkeiten notleidender Unternehmen, der „distress“ einer Gesellschaft7) ist für sie der Hebel zur Realisierung einer Renditemöglichkeit. Ihre Tätigkeit wird dabei kontrovers beurteilt. Je nach Ansicht tragen sie entweder dazu bei, den katastrophischen Beigeschmack der Krise zu nehmen oder ihn noch zu verstärken.

A.  Der Markt für Distressed Debt


13  Am Sekundärmarkt für Fremdkapital hat sich seit den 1980er Jahren international ein besonderes Segment entwickelt: Der Markt für notleidende Verbindlichkeiten, die sogenannten „Distressed Debts“. Der Markt hat sich in jüngerer Vergangenheit stark professionalisiert und institutionalisiert. Banken, Fonds und andere Investoren sind aktiv im Handel mit Fremdkapitalprodukten, die als Non-Investmentgrade, hochspekulativ oder schlicht „junk“ bezeichnet werden. Trotzdem ist der Markt noch stark fragmentiert, ein institutioneller Handel ist nicht durchgehend gewährleistet. Die gehandelten Verbindlichkeiten sind dabei sehr vielfältig und umfassen Forderungen gegen private Unternehmen, öffentliche Institutionen oder gar Staaten. Diese Arbeit befasst sich ausschließlich mit Forderungen gegen privatrechtliche Gesellschaften. Wie sich hier ein Markt für Distressed Debt entwickelte, wie er begrifflich von sonstigen Marktsegmenten abgegrenzt werden kann und wer in diesem Markt aktiv ist, soll in diesem Abschnitt vorgestellt werden.

I.  Begriffsbildung


1.  Distressed Debt
14  Eine national oder international feststehende Definition von Distressed Debts bzw. Distressed Securities existiert nicht.8) Verschiedene Definitionsversuche knüpfen daran an, dass es sich um Forderungen handelt, deren vollständige Erfüllung ungewiss ist. So definiertRichter Distressed Debts als Kreditforderungen, mit deren vollständiger Tilgung samt Zinsen nicht mehr gerechnet werden kann.9) Eine prominente Klassifizierung vonEdward Altman qualifiziert eine Fremdkapitalposition alsdistressed, wenn sie mit einem Aufschlag von 1000 Basispunkten über den entsprechenden Staatsanleihen10) gehandelt werden.11) Dieser Ansatz orientiert sich also weniger am – wie auch immer zu ermittelnden – Ausfallrisiko, sondern nutzt stellvertretend die Risikozuweisung durch den Markt. Der offensichtliche Vorteil dieses Ansatzes ist die Möglichkeit einer klaren Abgrenzung. Ein gewichtiger Nachteil ist indes, dass Finanzmärkte recht volatil sind, sodass diese Grenze nicht in jeder Zeit gleich aussagekräftig ist. Zudem eignet sich dieses Modell nur für Forderungen, die auf organisierten Märkten gehandelt werden; dies ist aber längt nicht bei allen Fremdkapitalpositionen der Fall.12) Die wohl meisten Autoren versuchen indes nicht, den Begriff weiter zu konturieren, sondern