: Rainer Sachse
: Persönlichkeitsstörungen therapieren Theorie und Praxis
: Junfermann Verlag
: 9783749503957
: 1
: CHF 23.50
:
: Angewandte Psychologie
: German
: 160
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Jede Persönlichkeit umfasst auch Ressourcen Eine Psychotherapie mit Klient*innen durchzuführen, die eine sogenannte Persönlichkeitsstörung aufweisen, ist eine echte Herausforderung: Es bedarf einer besonderen Art von therapeutischer Beziehung und spezieller fachlicher Strategien. Therapeut*innen müssen auf schwierige Interaktionssituationen vorbereitet sein. Das Buch stellt einen therapeutischen Ansatz vor, der auf dem Modell der Doppelten Handlungsregulation basiert, einer psychologischen Rahmentheorie über das 'psychische Funktionieren' von Persönlichkeitsstörungen. Es ist ein theoretisch wie praktisch elaborierter Ansatz, der in seiner Effektivität gut belegt ist. Darüber hinaus bietet dieses Buch: - eine kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept der Persönlichkeitsstörungen, bei der Entpathologisierung und Ressourcenorientierung entscheidend sind, - eine Ableitung therapeutischer Prinzipien und Strategien zur Bearbeitung der einzelnen Aspekte einer Persönlichkeitsstörung, - konkrete Beispiele für solche Strategien und eine differenzierte Darstellung möglicher Vorgehensweisen in der Praxis.

Rainer Sachse ist Psychologischer Psychotherapeut und Direktor des Instituts für Psychologische Psychotherapie in Bochum.

2. Beziehungsmotive


In den folgenden Kapiteln soll eine psychologische Theorie von Persönlichkeitsstörungen entwickelt werden, eine Theorie darüber, wie PD „funktionieren“. Ein solches Hintergrundwissen ist unumgänglich, wenn ein Therapeut einen Klientenverstehen will. Die Theorie bildet zudem die Grundlage für die Ableitung therapeutischer Ziele und Strategien.

Beginnen wollen wir hier mit den Beziehungsmotiven. Beziehungsmotive spielen bei Personen mit PD eine zentrale Rolle: Sie sind ein Kernaspekt der Störung und somit wesentlich für das fachliche Verständnis. Zudem helfen sie dabei, zwischen verschiedenen PD zu differenzieren.

2.1 Was sind Motive?


Menschliche Motive spielen im Zusammenhang mit Persönlichkeitsstilen und -störungen eine große Rolle. Motive sind psychische Strukturen, die bestimmen, was ein Mensch möchte oder nicht möchte, was er anstreben oder vermeiden will, was ihm persönlich guttut und was nicht, was ihn zufrieden macht und was nicht. Aus Motiven leiten sich konkreteZiele ab, die eine Person verfolgt und zu erreichen sucht (sogenannte Annäherungsziele), bzw. es leiten sich Zustände ab, die eine Person vermeiden möchte (sogenannte Vermeidungsziele; vgl. Deci, 1975, 1980; Deci& Ryan 1980a, 1980b, 1982, 2000; Ebner& Freund, 2009).

Motive sind wahrscheinlich zu einem Teil genetisch prädisponiert, entstehen aber im Wesentlichen durch frühe Erfahrungen in unserer Biografie, insbesondere durch affektive Erfahrungen mit wichtigen Interaktionspartnern (McClelland, 1958, 1987). Motive legen sich dann mit der Zeit fest, sie können im Jugendalter zwar noch modifiziert werden, bleiben aber im Wesentlichen konstant.

Motive bilden eine sogenannte Motiv-Hierarchie: Jede Person weist immer mehrere Motive auf. Diese sind zu einem bestimmten Zeitpunkt aber nie gleich wichtig: Es gibt ein besonders wichtiges Motiv und danach einige weniger wichtige. Die Motive sind damit in einer Hierarchie der persönlichen Wichtigkeit angeordnet.

Das wichtigste Motiv (das „Leitmotiv“) ist das, das zurzeit den größten Einfluss auf die Psyche der Person ausübt. Die Person versucht vor allem,dieses Motiv zu befriedigen. Und dieses Motiv beeinflusst das Denken, Fühlen und Handeln der Person am stärksten. Die weniger wichtigen Motive müssen auch befriedigt werden und es gilt, sich auch um diese zu kümmern: Das hat jedoch meist keine Priorität.

Motive werden durch bestimmte Situationen aktiviert. Wenn sie aktiviert sind, rufen sie bestimmte Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte u. Ä. hervor. Diese Bedürfnisse kann eine Person wahrnehmen und sie kann sich entscheiden, ob sie ihr Handeln auf eine Befriedigung dieser Bedürfnisse ausrichten soll: Tut sie das, hat sie eine Chance, das Bedürfnis zu befried