Jerusalem, das Heilige Land, Januar 2011
Zögerlich trat Ilana durch das Klostertor. Augenblicklich überkam sie dieses mulmige Gefühl. Die Abwesenheit ihres Vaters war allgegenwärtig. Ein Stich fuhr ihr durch das Herz. Ihr Vater hatte eine Energie ausgestrahlt, die ansteckend und gleichzeitig bestärkend gewesen war. Wann immer sie die Abtei besucht hatte, hatte er sie mit seinem einnehmenden Lächeln begrüßt.
Am liebsten hätte sie kehrtgemacht und das Kloster fluchtartig verlassen. Ihre Neugier wegen der geheimnisvollen Einladung des Abts war jedoch stärker. Ihre Füße fühlten sich bleiern an, als ihre Schritte durch das Klostergewölbe hallten.
Je weiter sie ins Innere vordrang, desto heimischer fühlte sie sich wieder, so als wäre sie nie weggewesen. Wie ein kleines Kind ging sie durch die große Klosterhalle von einer Säule zur nächsten und strich dabei über die raue Steinoberfläche.
Bald darauf erreichte sie die Treppe, die zu Abt Ibrahims Kammer hochführte. Ihr wurde schwer ums Herz. Sie verabscheute diesen Mann. Wieder blieb sie stehen und dachte daran, umzukehren. Doch sie nahm die Treppe hinauf und klopfte an die Tür, die beinahe sofort aufsprang.
Ihr stockte der Atem, als sie ihr Gegenüber erblickte. „Mike, was machst du denn hier?“
„Vater Michael“, erwiderte er. „Ich bin jetzt der Abt des Klosters.“
Verstört schaute sie Michael Azar, ihren ehemaligen Jugendfreund, an. Sie war voller Bewunderung, gleichzeitig empfand sie aber Mitleid. Er schien kaum älter geworden zu sein. Bis auf einen kleinen Bauchansatz sah er genauso aus wie damals. Seine dunklen Augen zogen sie immer noch in den Bann. Als sie ihn umarmen wollte, wich er zurück, drehte sich um und ging ins Zimmer hinein.
Ilana dachte daran, wie sie sich früher heimlich getroffen und die Altstadt von Jerusalem über die Dächer hinweg vom einen bis zum anderen Ende überquert hatten. Allzu präsent war ihr der Moment, in dem sich ihre Lippen das erste Mal berührt hatten. Er war ihre erste große Liebe gewesen … bis Vater Ibrahim davon erfahren hatte. Er hatte Mike ein Stipendium in Russland verschafft und ihn schwören lassen, den Kontakt zu ihr abzubrechen. Wie alt war sie damals gewesen? Gerade einmal fünfzehn Jahre. Ilana hatte das Kloster danach verlassen müssen.
Unzählige Male hatte sie später versucht, Mike zu erreichen, und ihm zahlreiche Briefe geschrieben. Eine Antwort war jedoch ausgeblieben. Jahrelang hatte sie von einem Wiedersehen geträumt – so hatte sie es sich allerdings nicht vorgestellt.
Sie kämpfte gegen die Tränen an. Rasch fuhr sie sich mit der Hand übers Gesicht. Die mit weißgrauem Zementputz bedeckten Wände des Gewölbes drohten, sie zu ersticken. Durch ein kleines rundes Fenster in der südwestlichen Wand schickte die mittägliche Sonne ihre Strahlen und erhellte den Raum. In der Mitte stand ein antiker Schreibtisch aus dunklem Holz und davor zwei abgenutzte dunkelrote Ledersessel. Ilana ließ sich in einen der Sessel fallen und schaute Abt Michael, der sich ihr gegenüber in den zweiten Sessel setzte, direkt in die Augen.
„Was ist aus dir geworden?“, wollte sie wissen.
„Damals waren wir sehr jung. Gott wird uns hoffentlich unsere Sünden vergeben.“
Seine Antwort traf sie wie ein Schlag.War das derselbe Mike, in den sie sich verliebt hatte? Hatte sie sich dermaßen in ihm getäuscht?
In diesem Augenblick hörte sie jemanden an der Tür. Vater Ibrahim betrat den Raum. Die Jahre hatten ihren Tribut gefordert. Sein Haar war fast komplett ergraut. Trotzdem machte er einen agilen Eindruck.
Übertrieben freundlich begrüßte er sie. „Guten Tag, meine Tochter. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich hoffe, es geht dir gut!“
Da ist es wieder, dachte Ilana,dieses heuchlerische Lächeln.
„Ich bin zufrieden“, erwiderte sie knapp. „Wie ich sehe, sind Sie nicht mehr der Abt hier.“
Vater Ibrahim begab sich gemessenen Schrittes hinter den Schreibtisch und setzte sich. Dann beugte er sich nach vorn, stützte die Ellenbogen auf den Tisch un