: Josef Skvorecky
: Der siebenarmige Leuchter
: Braumüller Verlag
: 9783992003372
: 1
: CHF 19.90
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 192
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Sieben Erzählungen, so viele, wie Kerzen am siebenarmigen Leuchter brennen: eine Erinnerung an eine untergegangene tschechisch-jüdisch-deutsche Welt in einer ostböhmischen Kleinstadt. Danny, ein leidenschaftlicher Saxophonspieler und empathischer Erzähler, trifft sich mit seiner großen Liebe, der Holocaust-Überlebenden Rebekka. Er erinnert sich an seine Kindheit im Städtchen K. Vor den Augen des Lesers entsteht ein buntes Kaleidoskop kleinstädtischen Lebens der Zwischenkriegszeit mit unvergesslichen Figuren wie Herrn Lehrer Katz, Herrn Doktor Strass, der mit dem Lancia Tag und Nacht von einem Patienten zum nächsten fährt, Dannys Onkel Khon, der mit fünfzig schon alt und verlebt wirkt, aber dennoch Dannys schöne Tante vor den Altar führt, oder auch den drei Löbl-Brüdern, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Josef ?kvorecký, 1924 im ostböhmischen Náchod geboren und 2012 in Toronto (Kanada) verstorben, war Autor, Essayist, Übersetzer, Verleger (u. a. von Milan Kundera und Václav Havel) und Drehbuchautor. Er war mit der Schriftstellerin Zdena Salivarová verheiratet. Sein Debütroman 'Feiglinge' konnte erst 1958 erscheinen und wurde in der Neuauflage 1964 zu einem Bestseller. 1969 emigrierte ?kvorecký mit seiner Frau nach Toronto, wo die beiden den bedeutendsten tschechischen Exilverlag Sixty-Eight Publishers gründeten. ?kvorecký unterrichtete an der Universität Toronto. Auf Deutsch erschienen u. a.: 'Legende Emöke', 'Eine prima Saison', 'Der Seeleningenieur', 'Das Mirakel' und 'Das Baßsaxophon'. ?kvorecký war 1982 für den Literaturnobelpreis nominiert, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. verlieh ihm Präsident Václav Havel 1990 den Orden des weißen Löwen, 1999 bekam er den tschechischen Staatspreis für Literatur.

Mein Onkel Khon war ein reicher Mann und das Glück war ihm hold. Er besaß ein Auto, einen wendigen Tatra 57, und besuchte uns fast jede Woche, denn er hatte meinen Vater gern. Vati und ich gingen ihm dann entgegen und trafen ihn meist weit hinter der Stadt, als es bereits dunkel war, doch im Scheinwerferlicht erkannte uns der Onkel sogleich. Zuerst leuchtete ein Licht am Horizont auf, bewegte sich rasch am Himmel entlang, weil sich hinter dem Bergkamm die Straße in einer Serpentine hinaufwand. Dann erfasste uns der strahlend weiße Lichtkegel und hielt uns fest in seinem Bann. Ich war vollkommen geblendet und sah die Tante kaum, die mich dann stets mit ihren weichen, samtigen Lippen abküsste und mir eine Tüte Bonbons in die Hand drückte. Ihre Lippen dufteten, denn sie waren stark geschminkt. Dabei hätte sie es nicht nötig gehabt, denn sie war ohnedies äußerst hübsch. Geschminkt war sie freilich noch hübscher. Tante war zwanzig Jahre jünger als Onkel Khon, fröhlich war sie und ein noch größerer Fußballfan als er. Einmal nahmen sie mich zu einem internationalen Match nach Prag mit, und die Tante machte dort ein großes Trara, weil der Schiedsrichter fälschlich einen Elfmeter gegen Sparta verhängt hatte. Tante gab dann mit ihrem Schirm einem Ausländer eins auf den Kopf, denn der hatte sich über den Elfmeter sehr gefreut. Damals hatte uns die Polizei mitgenommen, ließ uns aber gleich wieder laufen, was den Onkel wohl einiges gekostet haben mag.

Onkel Khon war Abwerber. Ihm gehörte ein großer Stehimbiss in Prag, doch er war so faul, dass er ihn weitervermietet und sich selbstständig gemacht hatte. Um nicht ganz der Langeweile zu verfallen, war er mit dem Abwerben beschäftigt. Am Nachmittag saß er gerne im Café Paris, las ausländische Zeitungen, zog an seiner goldenen Zigarrenspitze, kaufte Spieler von anderen Abwerbern an und verkaufte sie weiter. Er mochte jüdische Anekdoten, weil er selbst Jude war. Auch spielte er den Menschen gern böse Streiche, bot ihnen kleine Bonbonattrappen aus Gummi an, an denen man sich einen Zahn ausbeißen konnte, oder Zigaretten mit Sternspritzern darin, die unter der Nase lossprühten, sobald man die erste Häl