Die Gräfin aus der Rue vieux Jacques.
Die vier andalusischen Rapphengste in blitzendem Silbergeschirr und Sielen aus echt japanischem Lackleder flogen wie weiße Möven durch die Straßen Berlins,jenes großen modernen Babels, wo die Tugend neben dem Laster wohnt und die Konzerthalle neben dem Kriminalgebäude klingt, wo die Lokomotive der Stadtbahn in die Sonntagsruhe pfeift und das Auge des Gesetzes wacht.
Diese Rosse von edelstem Wuchse und herrlichster kastanienbrauner Farbe zogen eine Kutsche, deren Inneres mit echtem Goldplüsch ausgepolstert war, auf dem einFrauengeschöpf von überirdischer Schönheit sich wiegte. Der feingeschwungene Mund, diese lächelnden Brauen, die feine Rundung der Wangen, das zarte Rosa des Halses vereinigten sich mit dem Wohllaut des sprechenden Auges zu einer bezaubernden Mosaik menschlicher Reize. Und doch . . .
Und doch war die Besitzerin solcher Schätze, die einen Sultan mit sechs bis sieben Roßschweifen zu ihrem Sklaven gemacht hätte, wäre einer dagewesen, nicht glücklich. In ihrem Auge perlte eine Thräne, tausendmal schöner als die nußgroßen Perlen, die ihren mondscheinweißen Nacken umschlangen, strahlender als die echten Riesenbrillanten, die in Gestalt eines Diadems das üppige aschblonde Haar krönten, das, nach der neuesten Mode gemacht, noch geschmackvoller war als das Reichstagsgebäude.
Warum diese Thräne?Warum?
Das Gefährt hielt. Dampfend gehorchten die feurigen Trakehner dem festen Zügelgriffe des Kutschers. Sie spürten seine Gewalt und standen. Aber sie sahen nicht den tückischen Blick ihres Bändigers, den er auf die aussteigende Schönheit warf. Sie vernahmen nicht, wie er leise höhnisch murmelte:»Nun ist sie auf ewig verloren.«
Nein, sie sahen und hörtendiese Schändlichkeit nicht. Sonst wären die edlen Geschöpfe, übermannt von gerechtem Zorne, durchgegangen, über die Straße weg in den Delikatessenladen hinein, Alles zermalmend: das Schaufenster, die Artischocken, die Mandarinen, die Kieler Sprotten, die Konserven, sich, den Wagen, den Kommis, den Besitzer, zumal jedoch den heimtückischen Kutscher!
So aber standen sie lammfromm, das Bild einesgut bevormundeten Staates.
Die schöne Dame schritt in das Haus hinein. Ihre seidene Schleppe rauschte – das Meter unbezahlt 32 Mark 50 Pfennige – ihr Busen hob sich wie in Angst.
Sie machte Halt, als wollte sie umkehren.
War kein guter Genius vorhanden, der ihr zurief: »Kehre um, Du bist auf falscher Bahn«?
Nein. Kein Genius thut heute etwas ohne Honorar.
Sie hatte kein Geld. Woher auch sollte sie welches hab