1. Abschied
Synchron wippt das Kobrapärchen Orpheus und Eurydike zum Beat der lauten Musik. Ich spüre die Bewegung ihrer Leiber, wo sie den Schläfen entspringen. Vergeblich versuchen sie, die anderen Schlangen auf meinem Kopf zum Mittanzen zu animieren. Wenigstens die zwei haben die Enttäuschung überwunden, dass wir heute nicht rausgehen, und veranstalten ihre eigene kleine Party.
Eine Band besingt den Karneval, das Leben und die Freiheit, schafft es allerdings nicht, mich abzulenken. Hestia, eine sonst sanftmütige Anakonda, schnappt nach den beiden, und es kommt zu einer Rangelei auf meinem Haupt. Ich ignoriere sie. Das sollen sie untereinander klären. Wie ein gefangenes Tier streife ich durch mein Loft.
Nein. Ich bin kein Tier, das wäre schön. Ich bin ein Monster.
Nervös kaue ich an den Fingerkrallen. Maat müsste längst wieder da sein. Aus welchen Kulturen wurden die drei Richtenden ausgelost? Wann beginnt die Verhandlung? Konnte sie es durchsetzen, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet?
Hestias Kopf senkt sich in mein Blickfeld. Orpheus und Eurydike halten jetzt still und schmollen.
Ich streiche über den kühlen Körper der Würgeschlange und flüstere: »Mach dir keine Gedanken, ich bin okay. Gerade jetzt, lass den beiden ihren Spaß.«
Hestia schickt mir Aufmunterung und Liebe, die wie Wölkchen im Gedankengewitter verpuffen. Tröstend wickelt sie sich mir um die Schultern.
Es ist elf Uhr morgens, und in elf Minuten beginnt der Karneval, nur heute ohne meine heimliche Anwesenheit. Ich meide die Aussicht aus dem Fenster auf die Turmspitzen des Kölner Doms. Das ist der Tag, dem die Schlangen und ich sonst das ganze Jahr entgegenfiebern. Normalerweise würde ich an diesem Tag in einer Seitengasse der Fußgängerzone stehen und das bunte Treiben der Menschen beobachten. Aus dem losen Turban würden ein paar Reptilien dekorativ herausspitzen. Die Schlangen achten stets penibel darauf, dass jede drankommt und dennoch keine zu lange auf dem begehrten Aussichtsposten bleibt.
Vorbeitorkelnde Jecken würden mir anerkennende Blicke zuwerfen und mich für das »superjeile« Kostüm feiern. Einige kostbare Stunden lang würde ich beinahe dazugehören.
Nur nicht heute. Ich kann es nicht riskieren, entdeckt zu werden. Die Götter des Olymps wissen seit Sonnenaufgang, dass ich noch lebe. Sie werden schon längst nach mir suchen.
Insgeheim bin ich froh, dass Maat es zu gefährlich fand, mich zur Anklageerhebung mitzunehmen. Ja, ich selbst habe die altägyptische Göttin der Ordnung vor einem Jahr gebeten, die Ermittlungen und das Verfahren gegen Poseidon und Athene einzuleiten. Aber jetzt, wo der Prozess näher rückt, fürchte ich mich panisch davor, den beiden antiken Gottheiten entgegenzutreten.
Vielleicht hätte ich das alles gar nicht erst anzetteln dürfen, denn mein geliebtes Zuhause hat sich seit einem Jahr von einer Zuflucht in ein Gefängnis verwandelt. Gerade jetzt wird mir das schmerzlich bewusst.
Plötzlich blinken die Warnleuchten, die mit den Bewegungsmeldern im Treppenhaus verbunden sind. Ich drehe die Musik leiser. Jemand hämmert gegen die Eingangstür. Die Schlangen richten sich alarmiert auf. Angespannt starren wir alle zusammen die Tür an. Maat kann es nicht sein. Sie würde über ihre antike kleine Statue im Gästezimmer kommen. Nur einer kennt die Codes für den Gebäudekomplex und vermeidet es aus Rücksicht auf meine Privatsphäre, direkt im Loft aufzutauchen.
»Asklepios?« Ich klinge schrill, und vor Aufregung lisple ich mehr als sonst. An das laute Sprechen mit der langen Zunge und den Hauern konnte ich mich auch nach über dreitausend Jahren nicht gewöhnen.
»Hast du Maat erwartet?« Asklepios’ Stimme klingt dumpf hinter der dicken Sicherheitstür.
Er weiß also schon über den Prozess Bescheid.
Langsam nähere ich mich der Tür. »Bist du allein?«
»Musst du mich das wirklich fragen?«
Ich schalte das Alarmsystem aus und überprüfe im Garderobenspiegel noch schnell, ob die grünen Kontaktlinsen sitzen und die goldenen Iriden mit den schlitzartigen Pupillen vollständig verbergen. Wobei mich nur das linke Auge interessiert, denn das rechte ist ein Glasauge. Ich will meinen einzigen Freund nicht aus Versehen versteinern. Zumindest hoffe ich, dass er noch ein Freund ist.
Als ich ihn hereinlasse, meidet er meinen Blick. Seine weißblonden Haare sind heute glanzlos, und er ist ungewöhnlich blass. Er lässt so viel Abstand zwischen uns, dass ich mich wohlfühle.
Die meisten meiner Schlangen mögen ihn, allen voran Eros, die orangefarbene Kreuzotter, der sich seit Jahrtausenden mehr als eine Freundschaft wünscht und sich entsprechend bei Asklepios’ Anblick in Pose wirft.
Im Gegensatz dazu haben einige da oben Beißfantasien, wie Ares, die rot-schwarz-weiß gestreifte Korallenotter. Zu gern würde er seine Giftzähne in etwas Lebendigem vergraben. Bis jetzt konnte ich sowohl Eros als auch Ares im Zaum halten. Die Freundschaft zu Asklepios ist zu kostbar, als dass ich sie durch unüberlegte Launen meiner Schlangen gefährden würde.
Jetzt stehen wir uns einen Moment zu lang wortlos gegenüber. Schweigend folgt Asklepios mir schließlich in die offene Essküche.
»Kommst du direkt von einer Karnevalssitzung?« Ich versuche, nicht zu verkrampft zu klingen, und achte auf die Zischlaute. »Gehen die Jahresabschlussversammlungen los?«
»Wie kommst du darauf?«
»Ich wüsste nicht, weswegen du sonst freiwillig deinen Arztkittel gegen einen Chiton tauschen würdest. Kaffee?« Ich wende mich dem professionellen Gerät aus Stahl zu und drücke vorsichtig mit einer Krallenspitze den Aufwärmknopf. Asklepios geht in den Essbereich.
»Ich komme vom Olymp.«
Angestrengt beobachte ich die blinkende Kontrollleuchte der Kaffeemaschine.
»Warum hast du mir nichts gesagt?«
Ich schweige, suche nach Worten.
»Wolltest du mich später einweihen? Oder nie? Ich verstehe das nicht. Weißt du, wie es für mich war, als Zeus vorhin bei einer gigantischen Götterversammlung eröffnet hat, dass du noch lebst und Poseidon und Athene verklagst?«
Mir wird heiß. So war das nicht geplant.
»Ich wollte dich raushalten«, antworte ich leise und drehe mich zu ihm um. »Maat und ich haben gedacht, Poseidon und Athene würden die Angelegenheit möglichst unauffällig aus der Welt schaffen wollen. Ihre Götterreputation steht auf dem Spiel.«
»Die Geschichten sind doch allen bekannt!«
»Gerüchte und Mythen sind das eine. Ein Prozess, Beweise und eine Verurteilung etwas ganz anderes.«
»Nun, Athene und Poseidon sind überzeugt, dass sie den Prozess gewinnen werden.« Asklepios lehnt an dem weißen Esstisch und mustert mich. Sein junges, makelloses Gesicht ist von Sorgenfalten durchzogen. »Hast du mir jemals vertraut?«
Vor dieser Frage fürchte ich mich seit einem Jahr.
»Damit hat das nichts zu tun. Du steckst meinetwegen schon ewig in der Zwickmühle. Ich wollte es nicht noch schlimmer machen.«
»Nicht noch schlimmer? Was glaubst du, wie lange sie brauchen werden, um unsere Verbindung aufzudecken?«
»Und das ist der andere Grund. Die hätten sofort gerochen, dass du etwas weißt. Ich habe Maat sogar verboten, dich als Zeugen zu benennen. Wenn ich verliere, kannst du weitermachen wie bisher.«
Er lacht bitter, was überhaupt nicht zu seinem gütigen und geduldigen Wesen passt. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie wütend sie gerade sind.« Er stößt sich vom Tisch ab und nähert sich mir einige Schritte. »Athene wird die Zeichen deuten können. Ein uraltes Pharma- und Medizinimperium, das als Logo einen Stab hat, um den sich eine Schlange wickelt. Das schreit geradezu nach uns beiden.«
Ich senke den Kopf. Seine Angst ist berechtigt. Für einen Verrat würden die Olympier sogar den eigenen Leibarzt bestialisch bestrafen, egal wie genial und unersetzbar er ist.
»Und diese Maat, glaubst du wirklich, sie kann dich schützen? Vor ihnen allen? Sie und welche Armee?«
Er ist nicht er selbst, und ich bin froh, dass der Küchenblock zwischen uns steht. Noch etwas fällt mir auf. Er spricht Maat falsch aus.
»Es heißt nicht...