: Klaus Becker
: Herbstübungen Blut aus allen Körperöffnungen
: Books on Demand
: 9783756287222
: 1
: CHF 7.90
:
: Politik
: German
: 200
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
1938 entdeckten Otto Hahn und Fritz Straßmann die neutroneninduzierte Kernspaltung. Damit war die Idee nicht weit, die frei werdenden ungeheuren Energien für den Menschen nutzbar zu machen. Die Zeit für eine friedliche Nutzung war allerdings denkbar ungeeignet. Aber die Militärs waren schnell dabei. Versprach ihnen doch die Kernspaltung eine Bombe, deren Sprengkraft, jegliches, vom Menschen bis dahin entwickeltes Zerstörungspotential in den Schatten stellen sollte. Die Herstellung dieser Bombe und ihr Einsatz gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im August des Jahres 1945 zählen nach dem, was der Zweite Weltkrieg an Zerstörung und Leid gerade über die Menschheit gebracht hatte, wahrscheinlich zu den größten Perversitäten des menschlichen Geistes. Bis heute, denn es ist nicht ausgemacht, was noch kommen wird. Im Kalten Krieg sorgte die Bombe für das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den verfeindeten Blöcken."Von dem uns kein Gebet und kein Bereuen je befreien kann", das waren die Worte des FDP-Abgeordneten Wolfgang Dorn zu den Überlegungen der politischen und militärischen Führer jener Zeit. Nun ist wieder Krieg, wieder in Europa und nicht weit von uns. Es ist ein schrecklicher, wenn auch kein atomarer, aber ein heißer, mit unerbittlicher Grausamkeit geführter Angriffskrieg gegen ein Land, das sich erbittert wehrt. Viele haben ihn nicht für möglich gehalten, obgleich es Anzeichen ab. Nach diesem Krieg, wann immer er auch vorbei sein soll, wird es einen Zweiten Kalten Krieg geben, der Europa lange Zeit im Griff halten wird. Es scheint, als wiederhole sich die unsägliche Geschichte. Der Mensch hat offensichtlich aufgepasst und viel in seinem Geschichtsunterricht gelernt, falls es nicht noch schlimmer kommt. Die politischen und militärischen Eliten in den Zeiten des Ersten Kalten Krieges hätten jedenfalls in Kauf genommen, dass unser Land dem Erdboden gleich gemacht worden wäre mit Millionen ziviler Opfer. In den"Herbstübungen" der 1960ger Jahre haben sie den Untergang geübt. Davon erzählt der Autor. Der Autor selbst war ein winziges Rad in dem, wenn auch papieren gebliebenen, Räderwerk des Grauens. Er möchte seine Erzählung als Mahnung verstanden wissen. Falls sie auch nur in einem Kopf zu Einsicht beitrüge, dass Hass und Gewalt und Krieg und auch Religion keine Mittel sind, aus dieser Welt eine bessere zu machen, dann war sie es wert, erzählt zu werden.

Klaus Becker studierte in den 1970er Jahren Mathematik und Betriebswirtschaftslehre. Er war viele Jahre Leiter eines Rechenzentrums und damit relativ weit weg von mathematischen Ausgabenstellungen. Nach Eintritt in den Ruhestand hat er sich für bestimmten Themen der Kosmologie begeistert und darüber auch einige Titel veröffentlicht. Ende der 1960er Jahre war er für zwei Jahre freiwillig Soldat der Bundeswehr und übte bei den Fallex-Übungen (Herbstübungen) den Atomkrieg. Davon erzählt er in diesem Buch.

Lernt man in unseren Schulen nicht auch deshalb so viel, was man nicht gebrauchen kann,
um so vieles nicht zu lernen, was man brauchen könnte? 8

1 Einiges über Atommodelle


Zum Verständnis einiger der folgenden Ausführungen benötigen wir ein paar wenige grundlegende Kenntnisse über den Aufbau und insbesondere über die Radioaktivität von Atomkernen. Dazu genügt bereits die Kenntnis des von Niels Bohr schon im Jahre 1913 vorgestellten Atommodells. Damit können die Phänomene, um die es uns hier geht, auf anschauliche Weise erklärt werden.

1.1 Das bohrsche Atommodell


Atome bestehen aus dem Atomkern einerseits und der Atomhülle andererseits. Die Hülle wird aus negativ geladenen Elektronen, der Kern aus positiv geladenen Protonen und gegebenenfalls aus elektrisch neutralen Neutronen gebildet. Eigentlich sollte man erwarten, dass die negativen Elektronen in die positiv geladenen Kerne stürzen. Das einfachste Bild ist deshalb ein Schalenmodell, in dem die Elektronen auf unterschiedlichen Schalen oder auch Bahnen um den Kern kreisen, vergleichbar mit den Planetenbahnen um die Sonne. Die Schale, auf der sich ein Elektron befindet, bestimmt seine Bindungsenergie an den Atomkern. Diese Energiewerte können nur ganz bestimmte diskrete Werte annehmen. Auf jeder Schale, die von innen nach außen mit Großbuchstaben, beginnend mit K, bezeichnet werden, kann sich maximal eine bestimmte Anzahl Elektronen aufhalten. Diese maximale Anzahl heißt Besetzungszahl. In derTabelle 1.1 sind die Besetzungszahlen der Schalen K bis P zusammengestellt. Es gilt

Dabei ist n die Besetzungszahl und s, von innen nach außen gezählt, die Nummer der Schale. In derAbbildung 1.1 ist beispielhaft das Schalenmodell des Schwefelatoms mit 16 Elektronen dargestellt.

NummerBezeichnungBesetzungszahl
1K02
2L08
3M18
4N32
5O50
6P72

Tabelle 1.1: Besetzungszahlen der Elektronenschalen

Abbildung 1.1: Das Schwefelatom mit der Schalenkonfiguration K2, L8, M6

Das beschriebene Schalenmodell kann nicht alle beobachten Phänomene erklären, sodass schnell relativ komplizierte Erweiterungen notwendig werden. Im vorliegenden Kontext kommen wir aber mit dem beschriebenen Modell aus.

Die Elektronenhülle bestimmt maßgeblich die chemischen Eigenschaften der Elemente. Chemische Verbindungen kommen nämlich durch Wechselwirkungen der Elektronenhülle zustande.

Eine Elektronenhülle kann sich in einem energetisch angeregten oder im sogenannten Grundzustand befinden. Ein angeregter Zustand wird durch Energiezufuhr erreicht. Elektronen werden dadurch auf energetisch höher angesiedelte Schalen „gehoben“. Eine sich selbst überlassene Elektronenhülle strebt stets ihrem niedrigsten Energieniveau zu, was dem Grundzustand entspricht. Eine Anregung wird beispielsweise erreicht durch die Absorption eines Photons, eines Lichtteilchen also. Diese Anregung wird auch als Photonenanregung bezeichnet. Eine andere Möglichkeit ist die thermische Anregung durch Erwärmung des Materials. Durch die Wärmebewegung kommt es zu Zusammenstößen zwischen den Elektronen mit anderen Teilchen (Stoßanregung). Wir sehen uns