: Christa Zettel
: Vögel der Dunkelheit
: Verlag Margarete Tischler
: 9783903370050
: 1
: CHF 10.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 233
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eines Morgens macht der Fischer Wassili in einer Bucht auf der ägäischen Insel Folegandros eine Entdeckung, die ihn veranlasst, seinen Bruder, den Athener Kriminalisten Kyon Theophanes, zu Hilfe zu rufen. Kyon reist auf der gleichen Fähre an wie Robert Keller und Karin Weber, die Schwägerin von Dr. Weller, dessen Yacht vor Folegandros ankert. Vor Jahren war Robert mit Dr. Wellers Frau Elvira liiert. Aus Angst vor den Furien, die ihn seither verfolgten, rührte der Schriftsteller lange nicht an seine Zeit mit Elvira. Diese Vögel der Dunkelheit weben bereits ihr unsichtbares Netz um das Leben der Menschen im Schatten von Elvira Weller, die verschwunden ist. Innerhalb von drei Tagen verknüpfen sich Vergangenheit und Gegenwart zum schier unentwirrbaren Knoten. Nichts ist, wie es zu sein scheint. Dann gibt es auf der Yacht einen Todesfall. Um zur Wahrheit vorzudringen, muss Kyon ein beträchtliches Risiko eingehen. Dabei kommt ihm ein Sturm zu Hilfe, dessen Wüten an die Oberfläche spült, was lange im Verborgenen ruhte.

Der Einfluss Afrikas auf Christa Zettel ist unverkennbar. Geboren und aufgewachsen in Wien, reiste sie nach ihrer Matura nach Südafrika. Zwei Jahre später kehrte sie zurück nach Österreich und arbeitete viele Jahre lang für den ORF, angestellt und später freiberuflich. Nebenbei übersetzte sie Bücher vom Englischen ins Deutsche und schrieb für mehrere Zeitschriften und Magazine. Dies führte sie schließlich zurück nach Afrika. Christa beschloss, ihren Lebensschwerpunkt wieder dorthin zu verlagern. Von 1990 bis 1995 reiste sie durch den Süden Afrikas, wo sie das Ende der Apartheid miterlebte. Erneut kehrte sie nach Österreich zurück und begann, Bücher zu veröffentlichen. Ihr erstes Werk war bereits 1988 erschienen. Nach ihrer Rückkehr erschien 1996 ihr zweites Buch, seither wurden in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen weitere Werke von ihr veröffentlicht. Christa schreibt über Numerologie, über die Seele, über das Wissen antiker Völker. Sie vergleicht die Spiritualität Afrikas mit jener von europäischen Kulturen, verbindet Mystik und Religion mit Wissenschaft. Sie beschäftigt sich mit Mythenforschung und der Bedeutung des Männlichen und Weiblichen.

1


Ein neuer Tag begann. Zuerst war es nur die Ahnung von Licht. Dann ein Flimmern, und schließlich ein Strahlen. Majestätisch stieg die blutrote Sonnenscheibe aus dem ägäischen Meer und verwandelte es in wogende Bronze.

Wie an jedem Morgen, wenn er die Netze einholte, hielt Wassili, der Fischer, im Angesicht der Wiedergeburt des Lichts kurz inne und nahm seine Kappe ab. Sein Boot, dieIrene, lag nordöstlich von Folegandros, einer kleinen Insel in der südlichen Ägäis. Er war ein gedrungener Mann, Mitte sechzig, mit noch dichtem grauen Haar und Augen so durchscheinend hell wie die See an einem Morgen wie diesem.

Wassili spuckte ins Wasser und setzte die Kappe wieder auf. Kein Wind! Der Tag versprach wiederum heiß zu werden.

Er warf den Motor an und lenkte dieIrene die Küste entlang auf die eine lange Felsnadel zu, hinter der sich die Einfahrt in den kleinen Hafenort Karavostasis verbarg.

DieIrene war ein gutes Boot, wie die Frau, deren Namen es trug, ihm eine gute Frau gewesen war. Vier Söhne hatte sie geboren, von denen zwei früh gestorben waren. Die überlebenden Söhne waren zu kräftigen Männern herangewachsen. Sie fuhren zur See und besuchten ihren verwitweten Vater nur selten. Aber sie sandten Geld, so oft sie konnten, denn die nächtliche Mühe lohnte sich kaum noch.

Wassili lächelte in sich hinein, als er an seinen Cousin Yannis dachte, dessen Taverne in Karavostasis er täglich mit frischem Fisch versorgte. Ob er einen guten Fang heimbrachte oder einen schlechten, egal, sein Vetter verdrehte die Augen, warf die Arme hoch und brüllte. Niemand nahm sein Geschrei ernst, schon gar nicht Maria, Yannis‘ Frau, deren Zunge so scharf war wie ein gut geschliffenes Messer. Jeder Mann hat die Frau, die er verdient, besagte ein altes Sprichwort. Yannis verdiente Maria. Ob aber Maria Yannis verdiente, war eine andere Frage.

Der Fischer kannte jeden Felsvorsprung und jede Krümmung der steil abfallenden und nach außen hin abweisend wirkenden Küste. Er umfuhr eine Untiefe und kehrte in Küstennähe zurück.

Eine kleine, von mächtigen Klippen überragte Bucht tat sich auf.

Keine Bäume säumten das halbmondförmige Rund. Nur ein einzelner, verkrüppelter Baum trotzte den Gezeiten. Hier spuckte das Meer oft Treibgut an Land. Aber die letzten Wochen waren ungewöhnlich windstill gewesen.

Wassili kniff die Augen zusammen. Unter dem Baum lag etwas, das gestern noch nicht da gewesen war.

Er drosselte den Motor, lenkte dieIrene in seichtes Wasser, warf den Anker, und watete an Land.

 

Athen brütete bereits unter der Hitze eines Augusttages. Die antike Handelsstadt verdankte ihren Namen der Lieblingstochter von Zeus, die angetan mit Helm und Brustpanzer dem väterlichen Haupt entsprang. An die Muttergöttin der Ägäis, die mit verbundenen Augen Recht sprach, weil sich ihr Blick nach innen richtete, erinnerten nur noch ihre Symbole, Waage und Eule.

In der Hafenstadt Piräus ergoss sich ein nicht enden wollender Menschenstrom aus Bussen, Autos und Taxis über die Anlegestellen der Fährschiffe. Die Luft war dick vom Smog, der Lärm ohrenbetäubend.

„Erste oder zweite Klasse?“, fragte ein Beamter den vor ihm stehenden Mann, während er dessen Reservierung kontrollierte.

„Erste Klasse“, antwortete Robert Keller.

In dem kleinen Büro der Schiffsagentur war es stickig heiß. Während der schwitzende Beamte ihm sein Ticket überreichte, streifte Roberts Blick den wie ein riesiges, totes Insekt an der Decke klebenden Ventilator. „Kaputt“, seufzte der Beamte, und Robert nickte mitfühlend.

Erleichtert trat er auf die Straße. Zwar zeigte sich die Hafenstadt von ihrer hässlichsten Seite, aber jenseits des Lärms und Gestanks wusste Robert um das offene Meer und die ägäischen Inseln.

Der Blick einer Blondine streifte den hoch gewachsenen Mann mit der hohen Stirn und dem braunen Haarschopf. Er trug ein hellblaues Polohemd mit kurzen Ärmeln, sandfarbene Jeans und bequeme Sandalen. Arme, Hände, Gesicht und Nacken waren braungebrannt, die Finger lang und feingliedrig. Eine schmale Nase deutete Sensibilität an, der das markante Kinn zu widersprechen schien. Der weiche Mund signalisierte Sinnlichkeit, aber die graublauen Augen forderten Distanz.

Der Österreicher war Schriftsteller. Seit sein drittes Buch erschienen war, feierten ihn Kritiker, die seine früheren Werke ignoriert hatten, alsden Science-Fiction-Autor im deutschsprachigen Raum. Lieb