2. Das Kontrollparadox – und wie man damit umgeht
Der Grundpfeiler psychischer Gesundheit und emotionaler Balance ist Selbstbeherrschung. Gefühle und Verhalten optimal im Griff zu haben ist unser aller Wunsch. Entgleisungen, besonders, wenn sie in Gegenwart anderer geschehen, werden daher meist bitter bereut. So bewundern wir Menschen, die sich von Ungewissheit nicht beunruhigen lassen oder Rückschläge und Fehler wegstecken, ohne den Mut zu verlieren, sich selbst die Schuld zu geben oder das Handtuch zu werfen. All dies bestätigen unzählige Forschungsarbeiten: Ausgeprägte Selbstbeherrschung ist ein wichtiger Faktor für die psychische Gesundheit, nachhaltigen Erfolg und Lebenszufriedenheit.
Mentale Kontrolle ist genauso wichtig. Da unser Gehirn Gedanken, Bilder, Wahrnehmungen und Erinnerungen praktisch am laufenden Meter erzeugt, müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die im Moment wesentlichen richten und die übrigen ignorieren. Diese Fähigkeit, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden, ist in dem Gehirnareal namens präfrontaler Kortex verankert. Sie erfordert ein beträchtliches Maß an mentaler Kontrolle. Nur leider funktioniert sie nicht perfekt, und so richten wir unsere Aufmerksamkeit oft auf Belangloses oder verfangen uns in hinderlichen, wenn nicht sogar toxischen Denkweisen. Nichts anderes geschieht bei RND.
Rhonda (sieheKapitel 1) ist ein Paradebeispiel für mangelnde mentale Kontrolle. Sie leidet unter einer generalisierten Angststörung und macht sich ständig Sorgen, etwa um Geld und um ihre Rente. Sich das auszureden und sich zu sagen: „Bis dahin ist es ja noch eine Weile hin“ hilft nicht. Wie sehr sie sich auch anstrengt – ihr ist immerzu bange. Als würde sie gegen eine mentale Mauer anrennen! Je mehr Rhonda ihre sorgenvollen Gedanken unter Kontrolle bringen will, desto weniger Kontrolle hat sie über sie. Hier sehen wir das mentale Kontrollparadox, live und in Farbe.
Wer schon einmal an einem Wettkampf teilgenommen hat, weiß: Überanstrengung schwächt. Davon handelt dieses Kapitel: von der Quintessenz des mentalen Kontrollparadoxes, das entsteht, wenn man sich zu viel Mühe gibt. Wie Sie gleich erfahren werden, ist die beste Methode, RND zu zügeln die, die Zügel loszulassen. Wie sieht es mit Ihren mentalen Kontrollstrategien aus? Sind sie eher effektiv oder ineffektiv? Mithilfe von Übungen und Arbeitsblättern werden Sie das herausfinden, und zudem, welche Probleme auftreten, wenn Sie das Leid verursachende RND mit aller Macht bezwingen wollen.
2.1 Eisbären und das Paradox mentaler Kontrolle
Die Aufmerksamkeit und Konzentration nur auf das richten zu können, was für die jeweilige Situation relevant ist und sich nicht von irrelevanten Gedanken ablenken zu lassen, ist eine der grundlegendsten Fähigkeiten des Menschen. Ein Beispiel: Um diesen Textabschnitt zu schreiben, muss ich die dafür relevanten Gedanken in den Mittelpunkt rücken und spontane Einfälle wie „Was gibt’s heute zum Mittagessen?“ in den Hintergrund. Doch das mit der Selbstbeherrschung klappt nicht immer; sie lässt uns ausgerechnet dann im Stich, wenn wir sie am meisten brauchen. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Manchmal können Sie sich total gut konzentrieren, doch dann wiederum gelingt es Ihnen kaum und Sie sind leicht ablenkbar.
Die mentale Kontrolle ist ein Rätsel, über das die psychologische Forschung schon Einiges in Erfahru