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Sterbende Tage
Es ist Donnerstagabend, also gehen wir auf der Lebe-lang-Straße zur öffentlichen Telefonzelle an der Kreuzung der drei Wege namens Linker Pfad, Rechter Pfad und Mittelpfad. Der Strahl meiner Taschenlampe hüpft auf der ungepflasterten Straße voraus und kennzeichnet Unebenheiten und Schlaglöcher, davon gibt es viele. Mrs. Button, die in dem rosa Haus hinter der Autowerkstatt wohnt, sagt, alle Straßen sollten gepflastert sein wie in England, aber wir sind nicht in England – wir sind im britischen Protektorat Swasiland, ringsum eingeschlossen von Mosambik und der Republik Südafrika – also was weiß sie schon?
»Geh schneller«, drängt Mutter flüsternd. »Wir dürfen uns nicht verspäten.«
Wir eilen vorbei an Häusern aus Betonquadern mit Lichtritzen unter verschlossenen Vordertüren. Hunde bellen in umzäunten Höfen. Ein Vorhang zuckt, und durch einen handbreiten Spalt späht ein Gesicht heraus. Es gehört Miriam Dube, der Frau des Pastors, die es für ihre Pflicht hält, uns beim allwöchentlichen Pilgergang zur Telefonzelle zu bespitzeln. Es ist dunkel, aber ich stelle mir vor, dass Mrs. Dubes Miene selbstgerechte Missbilligung ausdrückt.
Mutter hält den Kopf so hoch, als trüge sie eine schwere eiserne Krone oder einen schmerzhaften Dornenkranz. Die Nachbarn sind neidisch, sagt sie. Neidische Klatschmäuler, rümpfen die Nasen über ihre hohen Absätze und ihre Kleider aus Johannesburg, die zu viel Bein zeigen. Sie wissen, dass wir im Wohnzimmer Teppichboden haben, sagt sie. Wir haben auch seit Weihnachten Fahrräder mit blitzenden Chromteilen im Hinterhof stehen und nagelneue Bata-Schuhe unterm Bett, die noch nach Fabrik riechen.
Die anderen haben Fußböden aus Beton, und wo mal ein Teppich liegt, ist er auf jeden Fall hässlich verglichen mit dem flauschigen Feld aus violetten Blumen, die unter unseren Füßen blühen, wenn wir von der Couchecke zur Küche gehen. Und darum hassen sie uns. Darum hält niemand an und nimmt uns mit, wenn sie uns am Straßenrand laufen sehen, niedergedrückt vom Gewicht unserer Einkaufstaschen. Der Manzini-Markt ist drei Meilen von unserem Haus weg, sagt Mutter. Drei Meilen über dürre Erde, gespickt mit Schlangen- und Skorpionlöchern. Ein gefährlicher Fußmarsch. Ein christlicher Mensch würde unsere Mühsal erblicken und uns mitnehmen. Aber unsere Nachbarn, die sich Christen nennen und jeden Sonntag auf den Kirchenbänken drängen, die fahren vorbei und lassen uns ihren Staub schlucken.
Die Telefonzelle taucht im Strahl meiner Taschenlampe auf: ein Rechteck aus silbernem Blech, einzementiert in die rote Erde. Rechter Pfad, Linker Pfad und Mittelpfad trennen sich hier und verschwinden in der Einöde, wo nur Gräser wuchern. Gelangweilte Kinder und Betrunkene haben an den Glaswänden ihre Initialen und Stiefelabdrücke hinterlassen, aber wie durch ein Wunder spendet die Zellenbeleuchtung immer noch ein funzliges Glimmen, das eine wirbelnde Wolke aus weißen Nachtfaltern anzieht.
Mutter steckt vier Silbermünzen in den Geldschlitz und wählt eine Nummer. Ihre Hände zittern und sie ist außer Atem, weil sie den unebenen Weg in hohen Absätzen gelaufen ist. Sie verlässt unser Haus grundsätzlich nie in flachen Sandalen oder gar, Gott bewahre, den losen Baumwollslippern der Frauen, denen Bequemlichkeit mehr bedeutet als Modebewusstsein. Die Münzen fallen, und sie formt ihren Mund zu einem Lächeln.
»Ich bin’s«, sagt sie mit einer rauchigen Stimme, die sie nur am Telefon benutzt.
Die Sti