: Malla Nunn
: Ist die Erde hart
: CULTurBOOKS
: 9783959882255
: 1
: CHF 17.60
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 304
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ist die Erde hart, tanzen die Frauen. Januar 1965 in Swasiland: Schulbeginn an der Keziah Christian Academy, einem Internat ausschließlich für ?Mischlinge?. Adele Joubert ist gut darin, nicht anzuecken: immer lächeln, die Regeln befolgen, keinen Ärger machen. Doch nun kommt eine Neue aufs Internat, und Adele büßt ihren Platz in der Gruppe der privilegierten Mädchen ein. Sie muss mit der Querulantin der Schule in die Kammer der toten Lorraine ziehen, wo es spukt ... Mit Hilfe der Lektüre von Jane Eyre entflieht Adele ins ferne nasskalte England, doch die Internatswirklichkeit holt sie bald wieder ein, und sie sieht sich um ihre Wahrheiten kämpfen. Bildstark, mit Drama und leisem Humor: Malla Nunn erzählt Apartheidsgeschichte aus Sicht einer Heranwachsenden. Fühlbar wird, wie Menschen die Bruchlinien in sich selbst ignorieren, um unter Druck zu überleben - und das ist nicht nur historisch relevant.

Malla Nunn wurde im britischen Protektorat Swasiland geboren und ging dort zur Schule. In den 1970ern emigrierte ihre Familie nach Australien, um der Apartheid zu entkommen. Malla Nunn studierte in Perth Englisch und Geschichte. Als Dokumentarfilmerin wurde sie mit Preisen geehrt, insbesondere für Servant of the Ancestors (1999). 2009 erschien ihr erster Roman, Band 1 des Krimizyklus um Detective Sergeant Emmanuel Cooper, gekürt mit zwei Edgar Award-Nominierungen und zahlreichen Preisen. Sie lebt mit ihrer Familie in Sydney. Auszeichnungen für den Roman Ist die Erde hart?: L.?A. Times Book Prize, Kirkus Reviews Best Book of the Year, Josette Frank Award, YALSA Best Fiction Pick, Westchester Fiction Award.

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Sterbende Tage


Es ist Donnerstagabend, also gehen wir auf der Lebe-lang-Straße zur öffentlichen Telefonzelle an der Kreuzung der drei Wege namens Linker Pfad, Rechter Pfad und Mittelpfad. Der Strahl meiner Taschenlampe hüpft auf der ungepflasterten Straße voraus und kennzeichnet Unebenheiten und Schlaglöcher, davon gibt es viele. Mrs. Button, die in dem rosa Haus hinter der Autowerkstatt wohnt, sagt, alle Straßen sollten gepflastert sein wie in England, aber wir sind nicht in England – wir sind im britischen Protektorat Swasiland, ringsum eingeschlossen von Mosambik und der Republik Südafrika – also was weiß sie schon?

»Geh schneller«, drängt Mutter flüsternd. »Wir dürfen uns nicht verspäten.«

Wir eilen vorbei an Häusern aus Betonquadern mit Lichtritzen unter verschlossenen Vordertüren. Hunde bellen in umzäunten Höfen. Ein Vorhang zuckt, und durch einen handbreiten Spalt späht ein Gesicht heraus. Es gehört Miriam Dube, der Frau des Pastors, die es für ihre Pflicht hält, uns beim allwöchentlichen Pilgergang zur Telefonzelle zu bespitzeln. Es ist dunkel, aber ich stelle mir vor, dass Mrs. Dubes Miene selbstgerechte Missbilligung ausdrückt.

Mutter hält den Kopf so hoch, als trüge sie eine schwere eiserne Krone oder einen schmerzhaften Dornenkranz. Die Nachbarn sind neidisch, sagt sie. Neidische Klatschmäuler, rümpfen die Nasen über ihre hohen Absätze und ihre Kleider aus Johannesburg, die zu viel Bein zeigen. Sie wissen, dass wir im Wohnzimmer Teppichboden haben, sagt sie. Wir haben auch seit Weihnachten Fahrräder mit blitzenden Chromteilen im Hinterhof stehen und nagelneue Bata-Schuhe unterm Bett, die noch nach Fabrik riechen.

Die anderen haben Fußböden aus Beton, und wo mal ein Teppich liegt, ist er auf jeden Fall hässlich ­verglichen mit dem flauschigen Feld aus violetten Blumen, die unter unseren Füßen blühen, wenn wir von der Couch­ecke zur Küche gehen. Und darum hassen sie uns. Darum hält niemand an und nimmt uns mit, wenn sie uns am Straßenrand laufen sehen, niedergedrückt vom Gewicht unserer Einkaufstaschen. Der Manzini-Markt ist drei Meilen von unserem Haus weg, sagt Mutter. Drei Meilen über dürre Erde, gespickt mit Schlangen- und Skorpion­löchern. Ein gefährlicher Fußmarsch. Ein christlicher Mensch würde unsere Mühsal erblicken und uns mitnehmen. Aber unsere Nachbarn, die sich Christen nennen und jeden Sonntag auf den Kirchenbänken drängen, die fahren vorbei und lassen uns ihren Staub schlucken.

Die Telefonzelle taucht im Strahl meiner Taschenlampe auf: ein Rechteck aus silbernem Blech, einzementiert in die rote Erde. Rechter Pfad, Linker Pfad und Mittelpfad trennen sich hier und verschwinden in der Einöde, wo nur Gräser wuchern. Gelangweilte Kinder und Betrunkene haben an den Glaswänden ihre Initialen und Stiefelabdrücke hinterlassen, aber wie durch ein Wunder spendet die Zellenbeleuchtung immer noch ein funzliges Glimmen, das eine wirbelnde Wolke aus weißen Nachtfaltern anzieht.

Mutter steckt vier Silbermünzen in den Geldschlitz und wählt eine Nummer. Ihre Hände zittern und sie ist außer Atem, weil sie den unebenen Weg in hohen Absätzen gelaufen ist. Sie verlässt unser Haus grundsätzlich nie in flachen Sandalen oder gar, Gott bewahre, den losen Baumwollslippern der Frauen, denen Bequemlichkeit mehr bedeutet als Modebewusstsein. Die Münzen fallen, und sie formt ihren Mund zu einem Lächeln.

»Ich bin’s«, sagt sie mit einer rauchigen Stimme, die sie nur am Telefon benutzt.

Die Sti