: Vanessa Golnik
: Tales of Hope and Despair Roman | Futuristische Romantasy mit einem Haufen verrückter Monster
: Piper Verlag
: 9783492987448
: Tales
: 1
: CHF 4.50
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: German
: 364
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Eine ungewöhnliche Mischung aus Fantasy und Science-Fiction, aus Wissenschaft und Magie - das packende Finale der Tales-Reihe für LeserInnen von Ava Reed und V.E. Schwab »Keiner von uns weiß, wie lange wir noch haben, aber wenn wir aufgeben, haben wir auf jeden Fall verloren. Wir kämpfen dafür überhaupt eine Chance auf eine Zukunft zu haben.« Die Akademie ist gefallen. Das Chaos herrscht über Kingston und steht kurz davor auch den Rest Nordamerikas zu unterwerfen. Die Begabten verstecken sich mit den Geflüchteten in einigen der alten Bunker aus der Zeit der großen Bestienplagen, bevor die Gaben sich entwickelten. Liana, Kieran und die anderen Ausgewählten sind die einzigen, die das Chaos noch aufhalten können. Doch ihnen läuft die Zeit davon. Mit jedem Tag wird das Chaos stärker und sammelt mehr Anhänger. Aber auch die Magie hat noch einen letzten Trumpf im Ärmel. Band 3 der düsteren Fantasy-Reihe »Tales«. Romantische Fantasy in einem futuristischen Setting mit einem Haufen verrückter Monster »Dieser Band ist ein grandioser Abschluss der Reihe. Egal ob Selbstfindung, Liebe, Hass oder Vertrauen, emotional ist dieses Finale absolut.« ((Leserstimme auf Netgalley))

Vanessa Golnik wurde 1993 in Esslingen geboren und hat es schon immer geliebt in fremde Welten einzutauchen. Wenn sie nicht gerade die anderer Autoren erkundet, erschafft sie ihre eigenen. Inzwischen lebt sie in Heidelberg und arbeitet bei einem Wissenschaftsverlag.

Kapitel 1


Sie ist tot, Mom.

Maddie ist tot.

Meine eigenen Worte hallten wieder und immer wieder durch meinen Kopf. Das Medikament, das alle Nicht-Begabten genommen hatten, damit sie den Weg zu unserem Zufluchtsort vergaßen, hatte dafür gesorgt, dass meine Mutter auch vergaß, was ich ihr kurz vor dem Aufbruch erzählt hatte. Erst beim zweiten Mal war mir richtig klar geworden, dass meine kleine Schwester tot war. Dass ich sie nie wiedersehen würde. Wir konnten Maddie nicht einmal beerdigen, da wir ihre Leiche in der Akademie zurückgelassen hatten. Bei dem Gedanken daran wurde mir schlecht. Hatten sich Bestien über ihre Leiche hergemacht? Hatte man sie achtlos entsorgt, gemeinsam mit den anderen Gefallenen?

Kieran legte einen Arm um mich und zog mich zu sich heran. »Kannst du nicht schlafen?« Das Bett, in dem wir lagen, war kleiner als das in Kierans Wohnung. Die Bettwäsche war billig und rau.

Ich schüttelte den Kopf und vergrub das Gesicht an seiner Brust.

»Maddie?«, fragte er.

Ich nickte.

Er begann, mit der Hand sanft über meinen Rücken zu streichen. Kaum zu glauben, dass es erst ein paar Wochen her war, dass er ein Familienmitglied verloren hatte und ich für ihn da gewesen war. Tränen stiegen mir in die Augen. Die Lage war noch nie aussichtsloser gewesen. Wir hatten den Kampf um die Akademie verloren. Der wichtigste Stützpunkt der Begabten, der Ort, an dem alles geregelt wurde, an dem sich alle Informationen, Waffen und Forschungsergebnisse befanden. All das lag nun in den Händen der Sekte, weil wir zu blind gewesen waren, um den Verräter in unserer Mitte zu bemerken.

Es war nicht schwer, euch alle zu täuschen, klangen Arlingtons Worte durch meine Gedanken.

Ich hatte gewusst, wie machthungrig er war, und trotzdem hätte ich niemals erwartet, dass er sich auf die Seite der dunklen Magie stellen würde. Er war bereits das oberste Medium. Was wollte er denn noch? Mehr, immer mehr. Jetzt regierte er gemeinsam mit Menning über Kingston, aber das würde ihnen nicht reichen. Sie würden versuchen, die Kontrolle über ganz Nordamerika zu erlangen.

»Wir können zur Krankenstation gehen und dir etwas holen, damit du schlafen kannst«, schlug Kieran vor.

»Nein«, flüsterte ich, »die haben genug zu tun.«

Unter den Menschen im Bunker gab es viele Verletzte, sowohl Begabte als auch Nicht-Begabte.

MemoBlock, das Medikament, das General Namara den Nicht-Begabten gegeben hatte, damit sie den Weg zum Bunker vergaßen, hatte noch ein paar Stunden nach unserer Ankunft gewirkt, was dazu geführt hatte, dass die Ärzte und Pfleger ständig vergaßen, was sie taten. Jede Spritze, die sie setzten, hatten wir überprüfen müssen, damit das richtige Gegengift im richtigen Patienten landete. Der Bunker bot nur einen begrenzten Vorrat. Jede Dosis war kostbar. Bis zum Abend waren die Verletzten nur notdürftig behandelt worden. Der Magie sei Dank waren die meisten nicht in kritischem Zustand. Die Schwerverletzten hatten es nicht hierher geschafft.

»Bist du sicher?«, fragte Kieran. »Du brauchst deinen Schlaf.«

»Geht schon. Ich bin so erschöpft, dass ich bestimmt bald einschlafe.« Der erste Teil stimmte. Der zweite war gelogen. Mein Körper war am Ende, mein Geist dagegen hellwach und schickte unablässig neue Sorgen durch meinen Kopf.

Ich war mir sicher, dass Kieran mich durchschaute, doch er sagte nichts mehr, sondern strich weiter über meinen Rücken.

Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich noch in die Dunkelheit starrte, irgendwann musste ich weggedämmert sein, denn ein Klopfen an unserer Tür riss mich aus dem Schlaf.

»Kieran?« Evangelines Stimme drang durch die Tür. »Liana? Wir wollen in einer Stunde eine Besprechung abhalten.«

Irgendwann zwischen dem Zeitpunkt, an dem ihr Mann mir das Du angeboten hatte und wir gemeinsam eine Frau festgehalten hatten, damit ihr das Gegengift für die Grinsekatzen gespritzt werden konnte, hatte auch sie begonnen, mich mit meinem Vornamen anzusprechen.

»Wir kommen, Mutter«, rief Kieran zurück und schaltete das Licht ein. Blinzelnd sah ich mich in dem winzigen Raum um, in den gerade so ein Bett passte. Ansonsten gab es nur ein paar Regalbretter, die vollkommen leer waren. Unsere dreckigen Uniformen von gestern lagen noch auf dem Boden.

»Ich habe euch frische Sachen und Handtücher vor die Tür gelegt«, sagte Evangeline.

Ich setzte mich auf und strich mir die zerzausten schwarzen Locken aus dem Gesicht.

Kieran legte eine Hand an meine Wange und küsste mich auf die Stirn. Dann stand er auf, öffnete die Tür und kam mit den Sachen zurück, die Evangeline uns dagelassen hatte.

Neben der Kleidung und den Handtüchern hatte sie uns außerdem zwei Kulturbeutel gebracht. Ich öffnete einen davon. Haarbürste, Rasierer, Deodorant, Zahnbürste, Zahnpasta. Gestern hatten wir nur grob das Blut von unserer Haut geschrubbt, bevor wir ins Bett gefallen waren.

Kieran hielt mir die Hand hin und ich ließ mich von ihm hochziehen. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu den Waschräumen.

Es musste noch früh sein, denn uns kamen nur wenige Menschen entgegen. Alle trugen die einfachen schwarzen Shirts und Hosen, die Evangeline auch uns gegeben hatte.

Im Waschraum angekommen, stellte ich meinen Kulturbeutel auf die Ablage über den Waschbecken und begann, meine Locken zu entwirren.

Gegenüber den Waschbecken reihten sich Duschkabinen aneinander. Am anderen Ende des Raumes führte eine Tür zu den Toiletten. Es standen noch weitere Frauen an den Becken, doch ich kannte keine davon. Aus den Duschkabinen hörte ich Wasser und Stimmen. Jemand unterhielt sich über das Rauschen hinweg mit der Frau in der Nachbarkabine.

Ich zuckte zusammen, als mir jemand die Hand auf die Schulter legte. Ich hatte so abwesend ins Leere gestarrt, dass ich im Spiegel nicht gesehen hatte, wie Mandy sich genähert hatte.

»Morgen.« Ihre Stimme war leise, als hätte sie Angst, jemanden zu stören. »Wie geht es dir?«

»Den Umständen entsprechend würde ich sagen.« Ich hielt den Blick auf die Strähne gerichtet, die ich versuchte zu entwirren. Blut und Schweiß verklebten sie.

Sie strich mir über den Rücken. »Ich bin für dich da. Egal, was du brauchst.«

»Ich weiß«, murmelte ich. »Danke.«

Mandy wusste genau, wann ich reden wollte und wann nicht. Also wandte sie sich ab und machte sich auf den Weg zu den Duschkabinen.

Nachdem ich meine Haare entwirrt hatte, tat ich es ihr nach. Die Tür zur Kabine führte in einen winzigen Vorraum, in dem es eine Bank gab, auf die ich das Handtuch und meine frische Kleidung legte. Dann zog ich mich aus und öffnete die Dusche. An der Wand hingen zwei Spender mit Shampoo und Seife.

Ich drehte den Hahn auf und stellte mich unter den Strahl. Das kalte Wasser ließ mich erzittern, doch es wurde schnell wärmer.

Ich verteilte eine großzügige Portion Shampoo in meinen Haaren. Gestern Abend hatte ich mich hastig gewaschen, damit mich niemand mehr fragen konnte, wie es mir ging. Ob alles in Ordnung war. Damit mir niemand mehr sein Beileid aussprechen konnte. Tränen mischten sich unter das Wasser, als ich an Maddie dachte. Daran, wie sie mich angegriffen hatte, ihr Gesicht vom Wahnsinn der dunklen Magie verzerrt. Daran, wie die Kugel ihren Kopf durchschlagen hatte. Daran, wie ich sie festgehalten und geschrien hatte, während die anderen kämpften. An Leos entsetztes Gesicht, als ihm klar wurde, dass er jemanden erschossen hatte. Leo, der es nicht in den Bunker geschafft hatte und wahrscheinlich von Bestien zerfetzt worden war. Genau wie Andrew.

Es dauerte, bis ich mich wieder so weit beruhigte, dass ich das Wasser ausstellen und aus der Dusche treten konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich gebraucht hatte, also trocknete ich mich hastig ab, zog mich an und trat wieder ans Waschbecken, um mir die Zähne zu putzen und die Haare zu föhnen.

Mandy stand ein paar Waschbecken entfernt. Sie war früher fertig geworden, wartete aber. Ich hatte nicht die Kraft, sie fortzuschicken. Ein paar Minuten später gesellte sich Charlotte zu ihr, das lange blonde Haar zu einem feuchten Knoten gebunden. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zum Essensraum.

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