Die Stimmen im See
1. August
„Das ist doch nicht möglich! Das kannst du mir nicht antun, Mama!“ Birgit kreischte vor Wut. Sie hatte beide Fäuste vor der Brust geballt und starrte ihre Mutter mit funkelnden Augen an. Ihr Gesicht, das unter dem kurz geschorenen, rötlich-blonden Haar normalerweise so blass wie Buttermilch war, glühte vor Zorn. Ihre kleine, magere Gestalt bebte. „Das kannst du nicht mit mir machen!“
Ihre Mutter – eine mollige Blondine in Jeans und Sweater – schwenkte unbeeindruckt die Pfanne, in der die Fischstäbchen für das Abendessen brieten. „Und darf ich wissen, was ich dir antue?“
Mutter und Tochter standen einander in der winzigen Küche gegenüber. Durch das weit geöffnete Fenster entwich der Geruch des Fischfetts, dafür drangen schwüle Nachtluft und der Gestank großstädtischer Abgase herein.
Birgit rang nach Luft. „Du weißt genau, dass ich Ella hasse! Sie und ihr kleines Schokoladenschwein!“
„Na schön. Du hasst sie. Und warum?“
Darauf wusste Birgit im Moment keine Antwort. Sie forschte in aller Eile in ihrem Gedächtnis nach einem Grund, warum sie Tante Ella hassen könnte, aber ihr fiel nichts ein. Nichts Konkretes. Die Frau war sonderbar ... das war alles. Sie lebte davon, dass sie Karten legte und Horoskope erstellte und in ihrem kleinen esoterischen Laden Edelsteine und Pendel verkaufte, und sie hatte eine Vorliebe für formlose, sackartige Kleider aus orientalischen Stoffen. Birgit hatte sie nicht einmal besonders oft zu sehen bekommen. Genau genommen war sie das letzte Mal vor sechs Jahren zu Besuch bei ihnen gewesen.
Schließlich fiel Birgit nur das lahme Argument ein: „Ich kann Patrick nicht leiden. Ich fand das widerlich, wie er dauernd rumrotzte, an seiner Mutter klebte, sich die Schokolade in den Mund stopfte und ...“
„Als du Patrick das letzte Mal gesehen hast, war er zehn Jahre alt und hatte gerade seinen Vater verloren. Inzwischen ist er sechzehn.“
Birgit zuckte mit finsterem Gesichtsausdruck die Achseln. „Na, wenn schon.“
„Auf jeden Fall“, sagte ihre Mutter mit einer Stimme, die jeden Widerspruch von vorneherein ausschloss, „ist das die einzige Art und Weise, wie wir doch noch zu einem Urlaub kommen. Und glaub nicht, dass ich mir vier Wochen an einem herrlichen Stausee entgehen lasse, nur weil du meine Freundin Ella nicht leiden kannst.“ Sie sah Birgit scharf an. „Ich bin vollkommen fertig nach all dem Stress im Büro und jetzt, wo ich endlich Urlaub habe, möchte ich nicht den ganzen August in einer stickig heißen, halb verlassenen Stadt herumhocken und mir die geschlossenen Rollläden ansehen. Ich fahre zu Ella, und da du