„Ich werde dich vermissen.“ Lady Elfled Malloren warf sich in die Arme ihres Zwillingsbruders und war entschlossen, nicht zu weinen.
„Es wird sich etwas ändern“, sagte er schroff. „Nach diesem gemeinsamen Jahr wird alles wieder ganz fremd sein.“ Hauptmann Lord Cynric Malloren erschien für eine offizielle Reise in voller militärischer Pracht, mit rotem Mantel und gepudertem Haar, das im Nacken von einer schwarzen Schleife zusammengehalten wurde.
Unter einem schicklichen Spitzenhäubchen schimmerte Elfs sandfarbenes Haar golden. Sie trug ein weißes Kleid, das von gestickten Vergissmeinnicht übersät war. Dennoch war ihre Ähnlichkeit nicht zu übersehen. „Ich wünschte, du würdest nicht so weit fortgehen“, klagte sie. „Nova Scotia. Es wird Jahre dauern …“ Er legte einen Finger auf ihre Lippen. „Schsch. Ich bin auch vorher schon jahrelang fort gewesen, und du wirst bald wieder völlig mit deinem eigenen Leben beschäftigt sein.“ Sie zog einen Schmollmund und entwand sich seinen Armen. „Fang jetzt nicht an, mir die Vorzüge des Ehestands zu preisen!“
Er blickte lächelnd zu seiner Frau hinüber, die taktvoll an der Tür zur Halle wartete und mit ihrer beider Bruder, dem Marquis von Rothgar, plauderte. „Mir gefällt die Ehe, und du und ich, wir sind uns ja sehr ähnlich.“
Sind wir das?, wollte Elf fragen, aber jetzt war wohl kaum der Zeitpunkt für Streitereien. „Dann werde ich die Bewerber noch einmal in Augenschein nehmen“, sagte sie leichthin und fügte mit einem neckenden Gesichtsausdruck hinzu, „natürlich wäre es hilfreich, wenn meine lieben Brüder nicht alle interessanten abgeschreckt hätten!“
Er zwinkerte ihr zu. „Man muss ein Schurke sein, um einen Schurken zu erkennen. Wir machen uns besser auf den Weg.“ Aber er machte keinerlei Anstalten zu gehen, obwohl draußen eine Kutsche und sechs unruhige Pferde warteten. „Geh! Ich hasse lange Abschiede.“ Sie küsste ihn schnell und zog ihn dann in Richtung seiner Frau und dem Tor zum Abenteuer.
Sie gab ihrer Schwägerin Chastity einen Kuss auf die Wange. „Schreibt, bevor ihr aufs Schiff geht.“ Sie umarmten einander und verharrten einen Augenblick so; sie waren enge Freundinnen geworden. „Pass auf ihn auf“, flüsterte Elf und kämpfte schon wieder mit den Tränen.
„Natürlich.“ Chastity befreite sich aus der Umarmung, um sich die Nase zu putzen.
„Wenn es irgendeinen Sinn hätte, würde ich dich bitten, dafür auf Fort achtzugeben.“ Sie sprach von ihrem Bruder, dem Earl of Walgrave.
„Ich kann mir seine Antwort auf einen solchen Vorschlag gut vorstellen.“
Sie warfen einander einen vielsagenden Blick zu, denn Chastitys Bruder hasste alle Mallorens.
Hinter ihnen öffneten zwei Lakaien die großen Doppeltüren und ließen Sommersonne und Vogelgezwitscher herein. Der Marquis und Cyn traten hinaus und warteten. „Hab wenigstens ein Auge auf ihn“, sagte Chastity. „Meine Liebe! An den Orten, wo er sich herumtreibt? Da wäre mein guter Ruf augenblicklich dahin!“
„Nicht mehr.“ Chastity schnitt eine Grimasse. „Ich hätte nie gedacht, dass ich mich über die Läuterung eines Bruders beschweren würde, aber als sorgloser Racker war mir Fort hundertmal lieber als in der Rolle von Lord Walgrave, dem Zyniker.“ Sie streifte ihre Handschuhe über. „Es macht mir wirklich Sorgen, ihn so zurückzulassen. Er ist seit Vaters Tod nie mehr der Alte geworden.“
Elf begleitete sie zum Tor. „Dann werde ich den Schutzengel spielen. Wenn ich höre, dass er in der Klemme sitzt, etwa wegen seiner verdammten Arroganz enthauptet werden soll, werde ich wie die Jungfrau von Orleans zu seiner Rettung schreiten!“ Und mit einem Grinsen fügte Elf hinzu: „Vor allem, um ihn zu ärgern.“
Chastity kicherte und sagte: „Er ist nicht so schlimm, Elf. Es ist nur …“
„Es ist nur, dass er alle Mallorens geringer als Würmer achtet und mich dementsprechend behandelt.“ Chastity seufzte und wandte sich ihrem Mann und dem Marquis zu, der bis Portsmouth mit ihnen reisen würde. Schnell war alles reisefertig. Elf sah von den Stufen aus, wie die drei in die vergoldete Kutsche stiegen. Der Kutscher rief etwas, schnalzte mit der Peitsche, und die sechs Pferde zogen die prächtige Karosse fort. Bald bog sie vom Marlborough Square ab, während Cyn und Chastity sich noch zu einem letzten Gruß herauslehnten.
Passanten waren stehen geblieben, um die Abreise zu beobachten. Jetzt gerieten sie – wie aufgezogenes Spielzeug – wieder in Bewegung, Müßiggänger setzten ihre Spaziergänge fort,