: Jennifer Schreiner
: Ich bin dann mal ganz anders
: SAGA Egmont
: 9788728438749
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 358
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Auf der Verlobungsfeier ihrer Schwester läuft das Fass für die 28-jährige Studentin Anna endgültig über. Deutlicher kann man der liebenswerten Chaotin das makellose Leben ihrer perfekten Schwester kaum unter die Nase reiben - und dann ist da auch noch ihre kuppelwütige Mutter. Es reicht! Ein neues Leben muss her, oder nein, besser gleich drei! So kreiert die Fettnäpfchen-Queen Anna kurzerhand drei Alter Ego: eine Brünette, eine Blondine und eine Rothaarige. Eine für die Familie, eine für die Karriere und eine für sich selbst. Und als ob dies nicht schon verwirrend genug wäre, begegnet sie ausgerechnet jetzt Max - dem Mann ihrer Träume ...-

Im Ruhrgebiet geboren, lebt Jennifer Schreiner heute in Leipzig. Die studierte Literaturwissenschaftlerin hat bereits eine Vielzahl an Titeln in unterschiedlichen Genres veröffentlicht. 2010 machte sie sich mit ihrem Verlag 'Elysion-Books' selbstständig.

ZUKUNFtSPLÄNE


Meine beste Freundin sah angespannt zu, wie ich bemüht elegant und ziemlich angetrunken zu meinem kleinen Sofa trippelte. Dabei sah ich vermutlich weniger aus wie Grace Kelly als vielmehr wie eine watschelnde Ente, zumindest bemerkte ich, wie Ninas Augenbrauen langsam nach oben wanderten. Schließlich war ihre Miene so vorwurfsvoll, dass ich sogar meine erste Einschätzung von mir selbst noch einmal nach unten korrigierte: Da sie wegen meines aktuellen Zustandes aussah wie die vorwurfsvolle Miss Piggy, musste ich wohl Kermit der Frosch sein.

Bei dem Gedanken wuchs der Kloß in meinem Hals noch ein wenig mehr an und schaffte es, schwerer und kälter zu werden. Weil Kermit der Frosch bei all seinen Fehlern dünn war – und vor allem liebenswert.

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, dass das leise, kreuzunglückliche Schluchzen mein eigenes war. Schlagartig zog es mir die Beine weg. Zum Glück gelang es mir, auf der weichen Sitzgelegenheit zu landen. Leider seitenverkehrt und mit dem Kopf voran. Sofort nutzte ich die Gelegenheit, mein Gesicht in den Kissen zu vergraben und herzhaft zu schniefen. Die Welt war einfach ungerecht, niemand mochte moppelige rothaarige Frauen mit einem Hang zur Schusseligkeit.

„Sind wir jetzt nicht ein bisschen zu theatralisch?” Nina schob meine Hüfte ein wenig zur Seite und setzte sich neben meinen ausgestreckten Körper, um tröstend meine Schulter zu tätscheln. „Es war doch nur eine Verlobung, keine Beerdigung.”

Ich schniefte noch ein wenig lauter, weil es doch auf dasselbe hinauslief. Nämlich auf: „Bald ist sie weg. Und sie ist so ... nett und schön und erfolgreich und organisiert und verliebt und überhaupt ... ich hab sie so lieb.”

Ich merkte, dass ich meine Gedanken laut ausgesprochen hatte, sah auf und versuchte, die Tränen aus meinen Augen fortzublinzeln. Mit dem Ergebnis, dass ich mich wie eine kurzsichtige Eule fühlte und noch weniger sah.

„Ich hab sie so lieb”, wiederholte ich nachdenklich. Wieder schossen mir Tränen in die Augen. Dieses Mal, weil ich auch diese Tatsache ins Negative ziehen konnte, da meine Gefühle eben nicht nur in diese Richtung tickten.

„Und ich bin missgünstig und neidisch!”, beschloss ich deswegen.

„Nein!” Ninas Klopfen wurde resoluter. „Du hast einfach nur Pech.”

„Mit Pech hat das nicht viel zu tun”, konterte ich, überlegte aber einen Moment lang ernsthaft, ob es vielleicht doch als Pech gelten konnte, überhaupt als ich geboren zu werden.

„Der richtige Mann kommt schon noch”, tröstete Nina, weiterhin klopfend. Allerdings riet sie in die komplett falsche Richtung. Schließlich war ich doch wütend auf mich, weil ich weder so war wie meine Schwester, noch meiner Schwester gönnte, so zu sein. So perfekt. Und nicht so missgünstig wie ich.

„Ich will keinen Mann”, protestierte ich unter Ninas langsam unangenehm werdendem linkischen Klopfen und wusste, dass ich nicht die Wahrheit sagte. Schon wieder. Grundsätzliches Lügen schien sich zu meinen vielen schlechten Eigenschaften gesellen zu wollen. Wahrscheinlich würde es in wenigen Minuten pathologisch werden.

„Ich will jemanden, der mich so liebt, wie ich bin”, gab ich zu, um irgendetwas chronisch Werdendes zu verhindern. Außerdem vergab ich mir mit dieser Offenbarung nichts. Schließlich war meine Zusammenfassung ein Grundwunsch, den so gut wie jedermann hatte.

Ja, aber die meisten haben auch eine realistische Chance, flüsterte eine gehässige Stimme in meinem Hinterkopf. Sie klang verdächtig nach meiner Mutter.

„Ich liebe dich!”, meinte Nina. Inzwischen schmerzte ihr Klopfen tatsächlich. „Und deine Schwester liebt dich auch.” Klopf.

Ich sah mich – Klopf – genötigt, mich aufzusetzen, damit meine Freundin wenigstens eine andere Stelle von mir ausgiebig verprügeln konnte.

 

„Die Feier war fürchterlich, ich hasse es ...”, murmelte ich und griff nach der Wasserflasche, die sich auf meinem kleinen, chaotischen Beistelltisch befand und sich den knappen Platz mit zahllosen Büchern, Magazinen, Notizzetteln und Loseblattsammlungen teilte. Etwas, das meine Mutter, die mindestens einmal täglich unangemeldet in mein kleines Reich hineinplatzte, um mich zu kontrollieren und daran zu erinnern, dass ich noch zu Hause wohnte, hasste wie die Pest.

Wahrscheinlich antwortete mein Unterbewusstsein deswegen mit Chaos, dachte ich in einem kurzen Anflug von Trotz und fühlte mich direkt im Anschluss schuldig. Doppelt. Einmal, weil ich meiner Mutter immer noch zur Last fiel, wie sie nicht müde wurde zu betonen, und einmal, weil mein Unterbewusstsein vielleicht sogar Recht hatte.

„Es war nur eine Verlobung”, versuchte mich Nina erfolglos zu trösten. Immerhin hatte sie ihre Handbewegungen eingestellt und ließ ihre Rechte einfach nur noch auf meinem Unterarm ruhen. Ich beschloss, sie nicht weiter zu provozieren, sondern mit ernsten Argumenten anzutreten.

„Ja”, stimmte ich zu, „aber bald kommt die Hochzeit – und ich kann im rosa Brautjungfernkleid zusammen mit meiner Mutter im Kampf um die letzten Junggesellen eine Tortenschlacht machen!”

Schlagartig änderte sich Ninas bewölktes Antlitz und sie prustete ohne Übergang los.

„Das ist nicht witzig!”, keifte ich halbherzig und unterzog eines der Wassergläser auf dem Tisch einer intensiven Prüfung. Aber anscheinend hatte ich in einem meiner ordentlichen, klaren Momente vier frische, saubere Gläser neben der vollen Flasche platziert. Schade, dass der ordentliche Moment nicht gereicht hatte, um die Magazine zu sortieren, oder noch besser, um sie ganz zu entfernen.

„Ist es doch!”, widersprach meine Freundin. „Ihr spielt doch nicht einmal in derselben Altersklasse oder mögt dieselbe Männeroptik.”

„Das stört meine Mama nicht.” Ich konnte fühlen, wie meine Miene dunkler wurde.

„Und Rosa steht dir ja auch viel besser.” Nina lachte wieder, wurde aber ernster, als ich meinen Arm fortzog, um dem Schlag zu entgehen, der mich beinahe hatte trösten sollen. Ich tarnte mein Ausweichmanöver, indem ich zwei Gläser mit Wasser füllte.

„Klar, mit roten Haaren sieht man in Rosa einfach hinreißend aus!” Ich strich meine Haare nach hinten. „Nicht einmal Molly Ringwald in The Breakfast Club hat darin gut ausgesehen – auch wenn Hollywood es uns glauben machen wollte. Rosa und Rot geht gar nicht!”

„Du kannst dir die Haare färben!”

„Ich kann es auch lassen”, kommentierte ich. Meine Haare waren toll. Das Tollste an mir. Also: das eigentlich einzig Tolle.

„Gregor wird deine Schwester glücklich machen.” Nina wurde wieder ernst. Dieses Mal gingen ihre Gedanken leider in die richtige Richtung.

„Ich kann sie nicht ausstehen”, schniefte ich sehr ehrlich und ernsthaft erleichtert. Anscheinend war ich dem pathologischen Lügen gerade noch von der Schippe gesprungen – oder vom Alkohol runtergestoßen worden.

Nina sah mich tadelnd an. „Du liebst sie.”

„Ja”, gab ich zu, „aber ich kann sie trotzdem nicht ausstehen.”

„Wieso?” Nina runzelte die Stirn, während sie versuchte, meinen Gedankengängen zu folgen. „Wie kann man denn deine Schwester nicht ausstehen können?”

„Genau deswegen!” Ich nickte heftig. „Weil sie so ist ... so ... perfekt.”

Nina sah mich sehr lange und sehr nachdenklich an, schließlich meinte sie: „Verstehe.”

Verstand sie natürlich nicht, konnte sie auch gar nicht. Und ich konnte es nicht erklären, dafür war mein Kopf zu schwer, waren meine Gedanken zu wirr.

„Das ist kein Mitleidsblues!”, behauptete ich trotzdem versuchsweise und trank einen Schluck Wasser. Er half kein bisschen. „Sie wird hinreißend aussehen im Brautkleid.”

„Wird sie”, bestätigte Nina.

„Du bist keine große Hilfe!” Ich konzentrierte mich, konnte aber keinen verbalen Zusammenhang zwischen meinen Gedanken, meinen Gefühlen und dem daraus resultierenden Fazit herstellen.

„Hey. Ich gebe mir alle Mühe.” Sie sah von mir zum Wasser und wieder zurück. So als suche sie ebenfalls einen kausalen Zusammenhang.

„Wobei? Keine große Hilfe zu sein?”, erkundigte ich mich. So langsam bekam ich Kopfschmerzen von meinen Überlegungen.

„Noch Wasser?”

Ich nickte und beobachtete, wie Nina mein Glas füllte.

„Mein Leben ist scheiße!”

„Nur ... konfus.”

Einen Moment hielt sie meinem Blick stand, dann sah sie weg, um in ihrer Handtasche zu kramen. „Paracetamol oder...