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Chantal
»Die haben ihren Hund Chantal genannt?« Vom Beifahrersitz aus sah Lea mich belustigt an. »Echt jetzt?«
»Wenn ich’s dir doch sage, der Hund heißt Chantal«, versicherte ich ihr. »Und glaub mir, sein Frauchen hörte sich am Telefon ohne Zweifel an wie eine, die ihren Hund Chantal nennt.«
Ihr Grinsen wurde breiter. »Man darf also gespannt sein.«
Lea war Volontärin beimStadtkurier. Die Redaktion hatte sie geschickt, damit sie einen Artikel über mich schrieb. In der Reihe »Über die Schulter geschaut« erschienen in dem Lokalblatt regelmäßig Porträts von hiesigen Handwerkermeistern, Unternehmern oder Künstlern, denen man in ihrem Arbeitsalltag – genau: über die Schulter schaute.
Wie ich als Hundetrainer zu der Ehre kam, weiß ich nicht, aber über PR darf man nicht meckern. Klar, es kam nicht der Chefredakteur persönlich oder einer von den anderen alten Hasen, stattdessen schickten sie ein Küken, das gerade erst Abitur gemacht hatte.
Sie blätterte in ihren Notizen.
»Also: Giuseppe Infantino, geboren in der Nähe von Bari, Italien, korrekt?«
»Si, Signorina. In Apulien.«
»Als Zehnjähriger mit den Eltern nach Deutschland gekommen, Mittlere Reife gemacht. Ausbildung zum Bürokaufmann, den Beruf langweilig gefunden.«
»Nett ausgedrückt.«
»Danach diverse Jobs als Kellner, Lagerarbeiter, Kurierfahrer, Pizzabote, Schauspieler …«
»Den Schauspieler bitte nicht aufbauschen. Das war nur eine Nebenrolle in einer bescheuerten Seifenoper.«
»Na und? Schauspieler ist Schauspieler. Ich kenne ein paar Mädels, die würden dafür morden. Wie hieß die Serie?«
»Lügen und Leidenschaft.«
»Krass. Die hat meine Oma immer geguckt. Sie war richtig süchtig danach. Wen hast du denn gespielt?«
»Einen Penner.«
»Echt?«
»Klar.«
»Cool.«
»Was soll ich sagen? Eine Anfrage aus Hollywood wäre mir lieber gewesen.«
»Ruhm macht nicht glücklich, sag ich dir.«
»Erzähl du junges Gemüse mir nicht, was glücklich macht. Oder hastdu etwa vor, dein Leben lang für dieses Käseblatt schreiben?«
Sie zog eine Grimasse. »Erwischt. – Und zu guter Letzt Hundetrainer geworden«, fuhr sie mit Blick auf ihre Notizen fort. »Aus Passion, wie man dir anmerkt.«
»Man merkt es mir an?«
»Und wie. Wie du sprichst und wie deine Augen glänzen, wenn es um Hunde geht.«
»Wenn du das so schreibst, halten die Leute mich für einen Spinner. Okay, ich bin einer, aber man muss es ja nicht gleich an die große Glocke hängen.«
»Spinner? Das ist immer relativ. Sag mal, wozu genau fahren wir jetzt zu Chantal?«
»Frauchen hat mich für ein Beratungsgespr