: Honoré de Balzac
: Tolldreiste Geschichten. Gesamtausgabe (Mit Illustrationen von Gustave Doré) Erotische Erzählungen
: apebook Verlag
: 9783961304875
: ApeBook Classics
: 1
: CHF 5.30
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: Erzählende Literatur
: German
Frivolität, Verderbtheit, Lebenslust. Bei den 'Tolldreisten Geschichten' von Honoré de Balzac handelt es sich um eine Sammlung von Erzählungen, die die Scheinmoral und Unsittlichkeit der hohen französischen Gesellschaft des Spämittelalters vorführen. Es ist der gelungene Versuch Balzacs, ein neues 'Decamerone' zu erschaffen. In den drei Mal zehn deftigen Geschichten porträtiert Balzac die französische Gesellschaft des späten Mittelalters als lüsternes Völkchen. Ehrenhafte Ritter und bodenständige Bauern, tugendhafte Edelfrauen und sittsame Nonnen, verführerische Schönheiten und hartgesottene Raufbolde - alle suchen das erotische Vergnügen und achten dabei keinerlei Standesgrenzen. »Das ist ein stark gepfeffertes Buch, ein Buch für die Kenner kräftiger und saftiger Bissen.« Dies ist die Gesamtausgabe und geschmückt mit zahlreichen Illustrationen von Gustave Doré.

Wie der ehrenwerte Ritter Bruyn zu seiner Frau kam

Der edle Herr Bruyn, derselbe, der das Schloß La Roche-Corbon-les-Vouvray an der Loire ausgebaut hat, war in seiner Jugend ein wilder Gesell und Tunichtgut. Er ging noch halb in den Knabenschuhen, da war schon keine Jungfer mehr vor ihm sicher, und überall machte er einen Spektakel, als wenn er das Haus zum Fenster hinauswerfen wolle. Als er dann, noch ganz jung, seinen Vater, den Baron von La Roche-Corbon, zu begraben hatte, wurde er vollends ein richtiger kleiner Teufelsbraten. Er war nun sein eigener Herr und konnte erst recht das Haus mitsamt allen Truhen und Kisten und was alles sich darin versteckt hatte, zum Fenster hinauswerfen.

Wirklich lebte er in Saus und Braus alle Tage, vertat sein Geld mit Saufen, Spielen und Huren und kümmerte sich den Teufel um Gesetz und Sitte, daß er sich bald aus der Gesellschaft der ehrsamen Menschen exkommuniziert sah und nur noch die Wucherer, Halszuzieher, Beutelschneider und andere Schnapphähne zu seinem Umgang hatte. Aber selbst die Herren Hypothekenjäger und Geldverleiher wurden stachelig wie eine Kastanienschale, als er kein anderes Pfand mehr einzusetzen wußte als die genannte Herrschaft La Roche-Corbon, in Anbetracht nämlich, daß dieses Besitztum, als ein königliches Lehen, keinerlei Sicherheit und Bürgschaft zu bieten vermochte. Da war Bruyn im besten Zug, ein gefürchteter Saufbold und Raufbold zu werden, der wegen nichts mit den Leuten Händel anfing und kein größeres Vergnügen kannte, als Rippen einzustoßen und Schulterblätter und Schlüsselbeine entzweizuschlagen.

Dieses Treiben sah der Abt von Marmoustiers, sein Nachbar, ein Mann, der nicht gern ein Blatt vor den Mund nahm. Das sei ja alles sehr schön, sagte er zu dem Ritter, und wenn er so fortfahre, werde er sicher noch ein Ausbund aller ritterlichen Tugenden werden; aber noch fehle seinem schädelspalterischen Tun die Krone, nämlich: daß er zur Ehre Gottes hinziehe in das Heilige Land und sein Schwert an den Knochen der sarazenischen Mohammedaner und mohammedanischen Sarazenen, die jetzt das Heilige Land vollscheißen, schartig mache und dann zurückkehre, mit Reichtum und Ablässen überhäuft, entweder