: Honoré de Balzac
: Tolldreiste Geschichten. Band Drei (Illustrierte Ausgabe) Erotische Erzählungen
: apebook Verlag
: 9783961304905
: 1
: CHF 3.50
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: Erzählende Literatur
: German
Frivolität, Verderbtheit, Lebenslust. Bei den 'Tolldreisten Geschichten' von Honoré de Balzac handelt es sich um eine Sammlung von Erzählungen, die die Scheinmoral und Unsittlichkeit der hohen französischen Gesellschaft des Spämittelalters vorführen. Es ist der gelungene Versuch Balzacs, ein neues 'Decamerone' zu erschaffen. In den drei Mal zehn deftigen Geschichten porträtiert Balzac die französische Gesellschaft des späten Mittelalters als lüsternes Völkchen. Ehrenhafte Ritter und bodenständige Bauern, tugendhafte Edelfrauen und sittsame Nonnen, verführerische Schönheiten und hartgesottene Raufbolde - alle suchen das erotische Vergnügen und achten dabei keinerlei Standesgrenzen. »Das ist ein stark gepfeffertes Buch, ein Buch für die Kenner kräftiger und saftiger Bissen.« Dies ist der dritte Band. Die Ausgabe ist geschmückt mit zahlreichen Illustrationen von Gustave Doré.

Ausdauernde Liebe


In den ersten Jahren des dreizehnten Jahrhunderts nach der Geburt unsres Herrn und Heilands ereignete sich in der Stadt Paris, und zwar durch einen Mann aus Tours, eine Liebesgeschichte, durch welche die ganze Stadt und auch der königliche Hof in das höchste Erstaunen versetzt wurden. Was die Geistlichkeit anlangt, so wird aus dem, was hier erzählt werden soll, klar, welchen Teil sie an der Geschichte hat, deren Akten und Urkunden durch diese selbe Geistlichkeit auf uns gekommen sind.

Der genannte Mann, von dem gemeinen Volk nur ›der Tourainer‹ genannt, eben weil er aus dieser lustigen Stadt gebürtig war, hieß mit seinem wahren Namen Anselm. Er kehrte auch in seinen alten Tagen in seine Geburtsstadt zurück und wurde Bürgermeister der Gemeinde von Saint-Martin, wie es in den Chroniken der Stadt und der Abtei bezeugt ist; aber zu Paris war er ein edler Goldschmied. Schon in früher Jugend wurde er durch seine Rechtschaffenheit, seinen Fleiß und seine andern Tugenden Bürger der Stadt Paris und Untertan des Königs, dessen Schutz er sich unterstellte nach der Sitte der Zeit.

Er besaß in der Nähe der Kirche von Saint-Leu, an der Straße zum heiligen Dionys ein selbstgebautes Haus frei von aller Zinsbarkeit, wo sich auch seine Werkstatt befand, die von allen Liebhabern schöner Kleinodien viel besucht wurde. Obwohl der Mann ein Tourainer war, was etwas heißen will, und Jugend und Gesundheit nur so zum Verkaufen hatte, hatte er dennoch ein Leben geführt wie ein Heiliger, allen Verführungen dieser Stadt zum Trotz, und hatte all die Tage seiner blühenden Jugend dahingehen lassen, ohne auch nur ein einziges Mal in die bekannte verbotene Frucht zu beißen. Viele werden sagen, dies zu glauben übersteige die Glaubensfähigkeit, die der Mensch von Gott erhalten hat und die es uns ermöglicht, an die heiligen Mysterien der Religion zu glauben, wie es uns befohlen ist. Darum wird es nötig sein, die verborgenen Ursachen dieses keuschen Lebens eines Goldschmieds etwas näher zu beleuchten.

Zunächst müßt ihr bedenken, daß der Mann zu Fuß nach Paris kam, ärmer als Hiob, wie seine alten Freunde zu sagen pflegten, und daß er im Gegensatz zu seinen Landsleuten, die mehr feurig als ausdauernd sind, einen wahrhaft eisernen Charakter besaß und einen Weg, den er einmal eingeschlagen hatte, mit einer Hartnäckigkeit verfolgte wie nur ein Korse seine Rache. Er war Gesell und arbeitete Tag und Nacht; er wurde Meister und arbeitete mehr als je: immer auf der Suche nach neuen Rezepten, nach den verborgensten Geheimnissen seiner Kunst, immer von einer Erfindung zu einer andern Erfindung fortschreitend. Die guten Leute, die nach Feierabend noch einen Gang zu tun hatten, oder Diebe und sonstiges Nachtgevögel sahen hinter dem Fenster des Goldschmieds immer die Lampe brennen und sahen in deren Schein den Goldschmied, der bei verschlossener Tür in Gesellschaft irgendeines Lehrbuben eifriger Beschäftigung oblag. Sie sahen ihn hämmern und meißeln, feilen und ziselieren, löten und schmelzen. Seine Armu