Als sie ihren Bruder aufstöhnen hörte, lief Portia zurück und sah, wie Oliver sich das Kinn rieb. „Zum Teufel mit dem Kerl! Wer war das? Und warum um alles in der Welt gibst du dich hier mit einem Mann ab?“
„Wie bitte? Der Kerl ist bei uns eingebrochen!“, entgegnete sie. Oliver erhob sich mühsam und rückte seine gepuderte Perücke zurecht. „Eingebrochen? Warum? Hier gibt es keine Wertsachen. Zumindest nicht für diesen Mann.“ Dann griff er erneut nach seinem Degen. „Bei Gott, ich werde Genugtuung fordern, wenn ich herausbekomme, wer dieser Bursche ist.“
„Er nannte sich Lord Arcenbryght Malloren.“ Oliver ließ augenblicklich den Knauf des Degens los und starrte seine Schwester ungläubig an. „Ein Malloren!“
„Kennst du ihn etwa?“
„Einen Malloren? Gott bewahre.“ Er blickte sich benommen um, denn er spürte immer noch die Nachwirkung des harten Schlags. Portia ergriff seinen Arm und führte ihren Bruder zur Treppe. „Er ist nur gekommen, um einen Brief zu holen, den jemand hier vergessen hat. Lass uns in die Küche gehen. Da ist es warm, und ich glaube, da ist noch etwas Kaffee auf der Ofenplatte.“ Als sie die Stufen hinunterstiegen und es Oliver wieder besser zu gehen schien, fragte sie ihn: „Erzähl mir von den Mallorens.“
„Rothgar“, sagte er, als würde ein Name allein alles erklären.
„Was ist mit diesem Rothgar?“ Inzwischen hatten sie die Eingangshalle erreicht, und unter ihren Schritten knirschte Gipsmörtel. Oliver hob die Pistole auf und schaute zu der lädierten Decke empor. „Warum hat er hier eine Pistole abgefeuert?“
„Das war ich“, erwiderte Portia und zog ihren Bruder mit sich fort. „Ich habe mich erschrocken. Unglücklicherweise habe ich ihn nicht getroffen.“ Oliver schaute wieder zur Decke. „Du hast nicht mal annähernd getroffen, Portia, oder ist er hereingeflogen?“ Portia beschloss, ihren Bruder nicht über die genauen Umstände der nächtlichen Begegnung aufzuklären. Obschon er jünger als sie war, nahm er seine Rolle als Familienoberhaupt sehr ernst. Doch sie vermutete, dass es ein schreckliches Ende nähme, wenn Oliver es auf eine Kraftprobe mit Bryght Malloren ankommen ließe. Im Augenblick war ihre Furcht jedoch unbegründet. Oliver brach am Küchentisch zusammen und barg sein Gesicht in den Händen. „Bryght Malloren. Zum Teufel auch. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist der Zorn der Mallorens.“
„Wer sind diese Leute?“
Oliver blickte auf. „Die Mallorens? Sie gehören zu den großen, weit verzweigten Adelsfamilien. Sie sind reich und mächtig und haben Verbindungen zu den hohen Kreisen der Gesellschaft.“ Portia stellte zwei Tassen auf den Tisch. „Wieso ist ein solcher Mann dann in dieses Haus eingebrochen?“
„Es heißt, dass sie beizeiten in schmutzige Geschäfte verwickelt sind.“
„Schmutzige Geschäfte? Das hört sich an, als ob sie lauter Kriminelle wären. Obwohl ich zugeben muss, dass dieser Mann sich wie einer benommen hat.“ Oliver schnitt eine Grimasse. „Leute wie die Mallorens können sich beinahe alles herausnehmen.“ Das hatte der Eindringling angedeutet. Portia wünschte, sie könnte einen gewissen Malloren wegen seiner Verbrechen vor Gericht bringen. Wie gern würde sie ihn in Ketten sehen! Vor dem Gedanken, ihn am Galgen zu erblicken, schreckte sie indes zurück. Nein, so weit würde sie es nicht kommen lassen. Sie stellte Zucker und eine Schale mit Sahne auf den Tisch. „Wen hast du mit Rothgar gemeint?“
„Den Marquis of Rothgar. Er ist das Oberhaupt dieser Brut.“ Portia trat an den Ofen, um die Kaffeekanne zu holen. „Ich habe den Namen in den Zeitungsblättern gelesen. Lord Rothgar hat eine wichtige Stellung im Oberhaus.“
„Zweifelsohne eine, die nur seinen eigenen Interessen dient. Er ist ein hartherziger Teufel, nach allem, was man hört. Und Bryght ist ein Spieler.“ Portia erstarrte, als sie die Kaffeekanne vom Feuer nahm. Ein Spieler. Für einen Moment musste sie die Kanne wieder abstellen. Ein Spieler. Der Fluch ihrer Familie. Die ganze Welt schien dem verderbten Glücksspiel verfallen zu sein. Vor ihrer Geburt war ihr Vater selbst ein Spieler gewesen. Nach der Heirat hatte er Besserung gelobt, doch anstatt das Geld durch ehrliche Arbeit zu verdienen, hatte er sich dubiosen Kapitalanlagen zugewandt – unsichere Beteiligungen, die erstaunliche Profite versprachen. Er hatte alles verloren und sich dann selbst erschossen. Zu jener Zeit war Portia noch ein Kleinkind gewesen und konnte sich an den schrecklichen Vorfall nicht mehr erinnern. Doch oft genug hatte sie davon gehört, insbesondere dann, wenn ihre Mutter sie eindringlic